
Biotech-Reports für Deutschland: Stillstand ohne Strategie?
Anlässlich des aktuellen EY-Biotechnologiereports 2026 und einem Blick über die deutschen Grenzen hinweg kann man sich fragen: täglich grüßt das Murmeltier oder wie lange will man noch einen Stillstand ohne Strategie verwalten, statt die Zukunft beherzter zu gestalten? Dies fragt sich auch unser Gastautor. Dr. Michael Thiel, Kooperationspartner SANEMUS AG, München
Der jährliche EY Biotechnologiereport Deutschland wurde vor kurzem der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Zahl der Biotechnologieunternehmen in Deutschland ist im Jahr 2025 um 3% auf 1.052 gestiegen, die Zahl der Mitarbeiter belief sich auf 60.000 (+3%). Es gab 29 Neugründungen im Bereich der Biotechnologie. 1,8 Mrd. Euro wurden investiert, 0,1 Mrd. Euro weniger als im Vorjahr. Der Report hebt die nach wie vor exzellente Forschung an den deutschen Universitäten und Forschungsinstituten hervor. So weit, so gut, so bekannt.
Das leidige Thema Venture Capital (Wagniskapital)
Aufhorchen lässt die nähere Betrachtung der Venture-Capital-Entwicklung im Jahr 2025. Waren es 2024 noch 900 Mio. Euro VC-Investment, sind es 2025 nur noch knapp 600 Mio. Euro. Von diesem Geld entfallen 71% auf drei große Runden, angeführt von der C-Runde für Tubulis mit 344 Mio. Euro. Für B-Runden Investments wurden 2025 noch 7 Mio. Euro ausgegeben, im Jahr 2024 waren es noch 169 Mio. Euro. Womit wir wieder beim leidigen Thema Venture Capital in Deutschland wären. Seit Jahren fordert die deutsche Biotechnologie mantraartig eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Wagniskapital. Ein Blick über die Grenzen nach Frankreich, Belgien, den Niederlanden, ja sogar nach Italien zeigt, dass dort in den vergangenen Jahren große VC Fonds entstanden beziehungsweise sich formieren, da die Rahmenbedingungen in diesen Ländern durch den Gesetzgeber VC-freundlich gestaltet wurden.
In Deutschland verspricht die Politik seit Jahren, die Rahmenbedingungen für Kapitalsammelstellen für ein Investment in die VC-Anlageklasse zu verbessern. Passiert ist bis dato leider nichts. Bunderforschungsministerin Bähr kündigte auf den deutschen Biotechnologietagen in Leipzig an, mit Hilfe der Hightech Agenda Deutschland zu einem weltweit führenden Standort für Biotechnologie machen zu wollen. Die Agenda umfasst ein umfangreiches Maßnahmenpaket, das bis zum Jahr 2030 abgearbeitet werden soll. Nicht nur das Wagniskapital fehlt in Deutschland, sondern auch, wie im EY-Report nachzulesen, eine nationale Biotechnologiestrategie. Zwar gibt es erfolgreiche regionale Biotechnologie-Cluster in München, Heidelberg, Berlin, Köln etc., aber es fehlt mehr Kooperation und die Koordination der Aktivitäten auf Bundesebene.
Alles hofft und wartet auf Europa. Seit Dezember 2025 liegt der Entwurf für einen European Biotech Act vor. Er soll vor allem die regulatorischen Bestimmungen der Mitgliedsländer harmonisieren. Ob dies ausreicht, steht zu bezweifeln. Dass es hier einen großen Handlungsdruck gibt, zeigt der Blick nach China.
Entwicklung der Biotechnologie in China seit 2015
Die meisten verbinden mit China noch immer den globalen Lieferanten von preiswerten Wirkstoffen für die Herstellung von Generika. Dies mag weiterhin zum Beispiel für Antibiotika-Wirkstoffe gelten. Doch seit zehn Jahren hat sich in China eine sehr erfolgreiche Biotechnologie-Industrie entwickelt. Basierend auf dem im Jahr 2015 verabschiedeten Zehnjahresplan, in dem explizit die Biotechnologie als eine der Schlüssel- und Wachstumsindustrien für China neben KI, Mikroelektronik etc. definiert wurde, hat sich die Biotechnologie in China rasant entwickelt. Für eine üppige finanzielle Ausstattung der gegründeten Biotechnologieunternehmen hat der chinesische Staat gesorgt. Viele der in den USA und Europa sehr gut ausgebildeten Wissenschaftler sind nach China zurückgekehrt und haben eigene Start-ups gegründet. Biotechnologiezentren wie der Shanghai Zhangjiang Hightech-Park, der Suzhou Biobay-Park oder das Guangzhou International Biotech Island sind im ganzen Land entstanden.
Leider gibt es keinen EY-Report für China, wo man den Werdegang der chinesischen Biotechnologie in den vergangenen zehn Jahren anhand von verlässlichen Daten nachverfolgen kann. Hier einige Highlights aus veröffentlichten Reports:
- Die chinesischen Biotechnologie-Start-ups fokussieren auf die Indikationsgebiete Onkologie, Immunologie, Neurologie und Herz-Kreislauf.
- Im Jahr 2023 beliefen sich die F&E-Ausgaben im Bereich der Biotechnologie in China auf 15 Mrd. USD, in Deutschland waren es 4,5 Mrd. Euro im Jahr 2025.
- 2025 wurden in China 76 Innovationen zugelassen, davon waren 59 Eigenentwicklungen.
- 2024 wurden 4 Mrd. Euro im Bereich Biomanufacturing investiert.
- China ist ein weltweit führender Ort für Studien geworden. 39% aller Studien, die im Jahr 2023 begonnen wurden, haben einen oder mehrere Standorte in China. Grund: Die Genehmigungsverfahren sind wesentlich kürzer als in Europa oder den USA, es gibt genügend Patienten, die Studienkosten sind wesentlich geringer, die Studiendauer ist bis zu 50% kürzer als in Europa oder den USA.
- Im Juni dieses Jahres wurde in China die weltweit erste CAR-T-Therapie zur Behandlung von soliden Tumoren der Firma CARsgen Therapeutics zugelassen. Indikation: Patienten mit 2-positivem, HER2-negativem fortgeschrittenem Adenokarzinom des Magens oder des gastroösophagealen Übergangs, bei denen mindestens zwei vorherige Therapielinien erfolglos waren.
- Laut Pharma Cube sind 200 ADC-Programme in China in der klinischen Entwicklung, 800 Programme sind in der Präklinik.
- Das Business-Modell der chinesischen Biotech-Start-ups umfasst einerseits die Arzneimittelentwicklung und Markteinführung in China, andererseits die Auslizenzierung von Wirkstoffkandidaten an westliche Big Pharma/Biotech-Unternehmen.
- Die chinesischen Biotech-Firmen versprechen sich aus dem Lizenzgeschäft zum einen hohe Einnahmen: Bezogen auf die Wertschöpfung eines Lizenzkandidaten entfallen auf die USA 50-55%, auf Europa 20-25% und auf China nur 8%. Zum anderen wollen sich die chinesischen Biotech-Firmen mit diesen Lizenzeinnahmen mittelfristig zu Global Playern entwickeln.
- Das Lizenzvolumen chinesischer Biotech-Firmen mit westlichen Partnern belief sich im Jahr 2024 auf 51,9 Mrd. USD, im Jahr 2020 waren es noch 8,4 Mrd. USD. Im EY-Report 2026 wird ein Lizenzvolumen für die deutschen Biotech-Firmen in Höhe von 10,5 Mrd. Euro für das Jahr 2025 angegeben, wovon der BioNTech-BMS-Lizenzdeal bereits 9,6 Mrd. Euro umfasst.
- Das Besondere an den Lizenzdeals zwischen chinesischen Biotech-Start-ups und westlichen Pharma/Biotech-Firmen ist, dass es oft multi-asset deals sind. Es werden nicht ein einziger Wirkstoffkandidat oder eine Technologieplattform auslizenziert, sondern mehrere Assets aus verschiedenen Indikationsgebieten. Der 10,5 Mrd. USD schwere Lizenzdeal zwischen Pfizer und Innovent Biologics umfasst beispielsweise 12 Wirkstoffkandidaten, der GSK-Deal mit Hengrui 12 Assets mit einem Dealvolumen von 15,2 Mrd. USD, der BMS-Deal mit Hengrui 13 Assets, der Lilly-Deal mit Haisco umfasst 5 Assets, das Dealvolumen lag bei 3 Mrd. USD.
- Lizenzdeals sind risikoärmer und finanziell attraktiver für den Käufer als der Kauf einer ganzen Firma. Zuerst fällt nur eine Anzahlung an, gefolgt von Meilensteinzahlungen, falls sich das Asset erfolgreich entwickelt.
Fazit
Die deutsche Biotechnologie gibt es seit 40 Jahren, China hat sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre von einem Generikahersteller zu einem der führenden Biotechnologiestandorte entwickelt. Beide Länder verfügen über exzellent ausgebildete Wissenschaftler, Universitäten und Forschungseinrichtungen. Es gibt jedoch zwei gravierende Unterschiede: die Biotechnologie wurde im chinesischen Zehnjahresplan von 2015 explizit als Innovations- und Wachstumsschwerpunkt deklariert mit einer nationalen Biotechnologiestrategie als Basis. In Deutschland fehlt bis heute eine nationale Biotechnologiestrategie. Der Aufbau der chinesischen Biotechnologie wurde finanziell massiv von staatlicher Seite unterstützt. Über das seit Jahren diskutierte Venture-Capital-Problem für deutsche Biotech-Start-ups wurde hinlänglich gesprochen.
Aus Sicht des Verfassers dürfte die Auslizenzierungsstrategie chinesischer Biotech-Unternehmen die größte Herausforderung für deutsche/ europäische Biotech-Start-ups werden. Für Big Pharma/Biotech ist es wesentlich kostengünstiger und risikoärmer, mit chinesischen Start-ups Multi-asset-Lizenzverträge für attraktive Arzneimittelkandidaten abzuschließen, als europäische Start-ups zu kaufen, was bislang das etablierte Geschäftsmodell ist, siehe der Verkauf von Tubulis an Gilead oder Cardior an Novo Nordisk.
Höchste Zeit, dass Deutschland und Europa eine schlagkräftige Biotechnologie Strategie verabschieden. Der Branche bleiben keine vier Jahre mehr, wie in der Hightech Agenda Deutschland vorgesehen. Ansonsten besteht die Gefahr, den Anschluss an die Biotechnologie-Standorte USA und China zu verlieren.
Kontakt: Dr. Michael Thiel, Kooperationspartner SANEMUS AG, Mannhardtstr. 6, 80538 München (michael.thiel@sanemus.com)

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