NVision

55 Mio-Dollar-Finanzierungsrunde für NVision

Mit 55 Mio. US-Dollar frischem Kapital erweitert das Ulmer Unternehmen NVision seine Quantentechnologie-Plattform von MRT-Sensorik hin zu Quantencomputing für die Arzneimittelentwicklung. Ankerinvestor der Runde ist das Diagnostikunternehmen Abbott.

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Mit einer neuen Finanzierungsrunde über 55 Mio. US-Dollar und dem Einstieg von Abbott als Ankerinvestor erweitert das Ulmer Quantentechnologie-Unternehmen NVision seine Ambitionen deutlich über die bisherige Quantensensorik hinaus. Künftig will das Unternehmen auch Quantencomputing für die Arzneimittelentwicklung nutzbar machen – und damit einen integrierten Ansatz schaffen, der Wirkstoffdesign und biologische Validierung enger zusammenführt.

Stoffwechsel im Fernseher

Im Zentrum steht dabei die bereits entwickelte MRT-Plattform POLARIS, die mithilfe quantentechnologischer Verfahren Stoffwechselprozesse in Echtzeit sichtbar machen soll. Das System verstärkt MRT-Signale zuckerbasierter Kontrastmittel um mehrere Größenordnungen und ermöglicht damit Einblicke in Krankheitsprozesse deutlich früher als klassische Bildgebungsverfahren. Statt monatelang auf strukturelle Veränderungen zu warten, könnten Forscher Therapieeffekte bereits innerhalb von Stunden oder Tagen erkennen.

POLARIS wird laut Unternehmen inzwischen an führenden Krebszentren installiert, darunter dem Memorial Sloan Kettering Cancer Center, der University of Cambridge sowie der Technische Universität München. Bis Jahresende sollen rund 20 Systeme in Europa, den USA und Asien im Einsatz sein.

Auf Basis der dabei entwickelten molekularen Quantentechnologie will NVision nun den nächsten Schritt gehen. Während der Arbeiten an der MRT-Plattform sei eine neue Klasse organischer molekülbasierter Qubits entstanden, die sich nun für photonische Quantencomputer nutzen lasse. Die neue Plattform trägt den Namen „Photonic Integrated Quantum Circuits“ (PIQC, ausgesprochen „Pixie“).

Digitale Medizin: das Wissen wird explodieren

„Ich sehe eine Zukunft, in der Quantencomputer einen explosionsartigen Anstieg neuer Wirkstoffhypothesen für Krankheiten erzeugen, die heute außergewöhnlich schwer zu behandeln sind“, sagte Mitgründer und CEO Sella Brosh. Entscheidend sei jedoch, diese Erkenntnisse auch schnell biologisch überprüfen zu können. Genau hier solle POLARIS die Lücke zwischen rechnergestütztem Design und realer Biologie schließen.

Damit positioniert sich NVision an einer Schnittstelle, die derzeit weltweit als eines der langfristig ambitioniertesten Felder der Life Sciences gilt: die Verbindung von Quantencomputing mit Wirkstoffentwicklung. Während große Technologiekonzerne und Pharmagruppen seit Jahren an quantengestützten Simulationsverfahren arbeiten, existieren bislang nur wenige praktische Anwendungen mit direktem Bezug zur klinischen Forschung.

Die neue Finanzierungsrunde unterstreicht das wachsende Interesse institutioneller und strategischer Investoren an diesem Ansatz. Neben Abbott beteiligen sich unter anderem CDP Venture Capital, Playground Global, Matterwave Ventures und Entrée Capital. Hinzu kommt ein Venture-Darlehen der European Investment Bank über 17 Mio. US-Dollar. Insgesamt hat NVision damit nach eigenen Angaben rund 120 Mio. US-Dollar eingesammelt.

Für Nvision markiert die Beteiligung von Abbott den Einstieg eines strategischen Partners im Diagnostikbereich. Der Medizintechnikkonzern will insbesondere die Möglichkeiten quantentechnologischer Verfahren für Diagnose und klinische Entscheidungsprozesse evaluieren.

„Was uns an NVision besonders beeindruckt, ist die Fähigkeit des Unternehmens, komplexe Quantenwissenschaft in skalierbare Systeme für den praktischen Einsatz umzusetzen“, sagte Peter Karabatsos von Abbott. Das Forschungsfeld befinde sich zwar noch in einem frühen Stadium, eröffne aber potenziell neue Wege zum Verständnis biologischer Systeme.

Investoren sehen eine frühe Chance

Auch Investoren sehen in der Verbindung von Quantensensorik und Quantencomputing eine mögliche neue Plattformtechnologie für die biomedizinische Forschung. Peter Barrett, General Partner bei Playground Global, sprach von einer neuen Kategorie im Bereich „Quantentechnologien für die Medizin“, die sowohl Wirkstoffdesign als auch die Validierung neuer Therapien umfassen könne.

Trotz aller technologischen Visionen bleibt die praktische Umsetzung allerdings eine enorme Herausforderung. Quantencomputing gilt weiterhin als experimentelles Feld, bei dem Skalierbarkeit, Fehlertoleranz und industrielle Nutzbarkeit bislang ungelöste Probleme darstellen. NVision versucht daher bewusst, den Fokus auf konkrete Anwendungen im Gesundheitswesen zu legen – ein Bereich, in dem der Nutzen quantentechnologischer Verfahren vergleichsweise früh sichtbar werden könnte.

Für den europäischen Technologiestandort ist der Schritt dennoch bemerkenswert. Während viele Quantencomputing-Initiativen bislang stark von US-amerikanischen Technologiekonzernen dominiert werden, entsteht mit NVision ein europäischer Ansatz, der Quantenphysik direkt mit klinischer Forschung und pharmazeutischer Entwicklung verbindet.

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