
Neustart durch Cyberangriff verhagelt
Die österreichische Marinomed AG wollte auf der Münchner Kapitalmarktkonferenz (MKK) den abgeschlossenen Restrukturierungsprozess als Auftakt für einen Neustart vermitteln, der im milliardengroßen Allergie-Markt eine wahre Disruption darstellen soll. Überschattet wurde dies jedoch von einem erfolgreichen Cyberangriff, den das Unternehmen zeitgleich ad-hoc vermelden musste und der den vermutlich unwiederbringlichen Abfluss von immerhin fast 700.000 Euro bedeutet. Trotz dieses Überfalls aus dem Web sieht sich Marinomed in der Position, antiallergisch wirksame Wirkstoffe viel effizienter und effektiver an den Wirkort zu bringen, als dies bisher der Fall ist.
Die Marinomed Biotech AG, ein österreichisches Biotech-Unternehmen mit Spezialisierung auf innovative Therapieansätze bei Atemwegs- und Augenerkrankungen, durchläuft derzeit eine Phase der strategischen Neuausrichtung. Nach herausfordernden Jahren – einer Sanierung in Eigenverantwortung und nun die Cyberattacke, bei der rund 700.000 Euro entwendet wurden – fokussiert sich Marinomed auf die wirtschaftliche Konsolidierung und die Erschließung internationaler Märkte durch Technologieverwertung und Partnerschaften
Ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur Stabilisierung ist die Einigung mit der Europäischen Investitionsbank (EIB). Marinomed konnte erreichen, dass nur noch 30 % der ursprünglichen 32 Mio. Euro Forderungen zu begleichen sind – ein erheblicher finanzieller Befreiungsschlag, der neuen unternehmerischen Spielraum eröffnet. Die verbliebene Schuldensumme liege damit bei zwischen 8 und 9 Mio. Euro, sagte Andreas Grassauer noch sichtlich geschockt vom aktuellen Cyberangriff auf der Münchner Kapitalmarktkonferenz (MKK).
Ein zentrales Element der Sanierung und neuen Strategie ist der Verkauf des Carragelose-Portfolios an ein französisches Unternehmen. Dieser Asset-Deal sichert Marinomed bereits jetzt Upfront-Zahlungen und eröffnet zusätzlich Meilensteinzahlungen sowie laufende Service-Umsätze mit dem neuen Partner. Damit wurde ein etablierter Bereich ausgelagert, der nun in Form einer Partnerschaft fortgeführt wird – eine klassische Win-Win-Situation, meinte Grassauer.
Im Zentrum der wachsende Bedarf an Anti-Allergika
Im Zentrum der künftigen Aktivitäten steht nun Marinosolv, eine Plattformtechnologie zur Solubilisierung schlecht löslicher Wirkstoffe – ein zentrales Problem vieler moderner Arzneien. Die Technologie verspricht nicht nur schnellere und sicherere Wirkung, sondern ermöglicht auch Formulierungen ohne Konservierungsstoffe, was besonders im sensiblen Bereich von nasalen und ophthalmologischen Therapien hochrelevant ist.
Ein besonders vielversprechendes Anwendungsfeld liegt in Allergietherapien: Übliche Cortison-Nasensprays benötigen oft eine Woche bis zur Wirkung und neigen zur Überdosierung, da eine schlechte Löslichkeit des Wirkstoffes eine raschere topische Aufnahme verhindert. Marinosolv-basierte Produkte haben in Kopf-zu-Kopf-Vergleichen bewiesen, dass sie schneller wirken und gezielter sowie geringer dosiert am Ort des Geschehens eingesetzt werden können – ein echtes Differenzierungsmerkmal.
Die Kommerzialisierung des Verfahrens wurde jedoch bislang durch ein Stabilitätsproblem gebremst: die bisher mögliche Haltbarkeit von rund 18 Monaten ist für den pharmazeutischen Vertrieb kaum marktfähig. Inzwischen hat Marinomed an der Formulierung gearbeitet und die Stabilität verbessert. Die Abwandlung der Lösungssubstanz sei nun kein Grund, die klinischen Studien wieder ganz von vorn beginnen zu müssen. Die behördliche Auskunft der Zulassungsgremien in der Schweiz besage, dass bei gleicher Pharmakokinetik die bisherigen Daten akzeptiert werden würden, betonte Grassauer. Marinomed wählt den Weg über die Schweiz, da dort internationale Zulassungsabkommen mit einer Reihe weiterer mittelgroßer Länder auf der Welt bestehen, die zu einer gemeinsamen Zulassung in einer attraktiven Größenordnung eines Alllergie-Marktes führen würde. Wenn sich dieses Szenario realisieren lasse, sei der weitere Aufwand gering, so Grassauer, der Zeitraum bis zur Zulassung betrüge demnach nun etwa ein Jahr.
Der Zielmarkt ist vielversprechend: 400 Millionen Patienten jährlich in einem globalen Markt von 13 Mrd. Euro bieten enormes Potential. Marinomed adressiert dabei insbesondere ausgelagerte Allergie-Entwicklungseinheiten großer Pharmakonzerne, für die Lizenzierung und Co-Entwicklung attraktiv sein könnten. Aus dem französischen Unternehmen Unither, das die Geschäftseinheit Carrgelose übernommen hat, werde nun ein Kooperationspartner auch für weitere Entwicklungsprojekte. Zusammen bereite man die Weiterentwicklung von Augentropfen gegen trockenes Auge vor. Dafür brauche es allerdings noch klinische Studien und dafür weiteres Kapital, um dieses zusätzliche Standbein entwickeln zu können.
Marinomed sieht sich künftig nicht mehr primär als Arzneimittelentwickler, sondern als Technologieanbieter, der über Lizenzen und Partnerschaften wächst. Die Vision: Innovative Formulierungen mit klarem Nutzen in hochvolumigen, aber bislang suboptimal behandelten Märkten – schnell wirksam, sicher und patientenfreundlich. Besonders attraktiv ist dieses Modell in Gesundheitssystemen mit hohem Kostendruck, wo konservierungsmittelfreie, niedrig dosierte, aber hochwirksame Medikamente echten Mehrwert bieten. Europa bleibt im Fokus, aber durch Partnernetzwerke könnten Zulassungen bald auch in weiteren Regionen erfolgen.
Trotz der Rückschläge zeigt sich Marinomed kämpferisch. Mit einem klaren Fokus auf die Monetarisierung der Technologieplattform Marinosolv, dem gelungenen Asset-Verkauf von Carragelose und einer Entschuldung, die neue Perspektiven eröffnet, könnte sich das Unternehmen vom Forschungsbetrieb zum strategischen Technologiepartner der Pharmabranche entwickeln und sich damit gleichsam am eigenen Schopf aus den Niederungen herausholen. Der nächste Schritt dürfte aber zuerst eine neue Sicherheitsarchitektur für die internen IT-Systeme sein.