
2026: Bewährungsjahr für BioNTech
Für BioNTech könnte 2026 zu einem der entscheidendsten Jahre seit dem pandemiebedingten Durchbruch werden. Die Pipeline ist breit, die Kasse prall gefüllt, die Partnerschaften sind zahlreich und die Perspektive reicht weit über das Jahr 2030 hinaus. Doch bei aller strategischen Vorbereitung entscheidet sich in den kommenden Monaten vor allem eines: Können die klinischen Daten die hohen Erwartungen an BioNTechs Krebsstrategie einlösen?
Der Fokus der Mainzer BioNTech liegt klar auf der Onkologie. CEO Ugur Sahin wird auf der laufenden JPMorgan Konferenz in San Francisco eine umfassende Präsentation des aktuellen Status der Pipeline abliefern. Darin wird er, wie vorab bekannt wurde, aufzeigen, dass BioNTech seine Entwicklungsstrategie in den vergangenen Jahren gezielt auf häufige Tumorarten wie Brust- und Lungenkrebs ausgerichtet hat – Indikationen, von denen allein in den G7-Staaten Hunderttausende Patienten betroffen sind und für die weiterhin ein erheblicher ungedeckter medizinischer Bedarf besteht. Parallel dazu baut BioNTech Know-how und kommerzielle Infrastruktur für ausgewählte Tumorentitäten auf, um im Erfolgsfall nicht nur wissenschaftlich, sondern auch operativ vorbereitet zu sein. Denn im Jahr 2026 werden die Daten aus mehreren späten klinischen Phasen zeigen, ob es diese vielen Hoffnungsträger bis zum Patienten schaffen werden.
Späte klinische Daten rücken ins Zentrum
Insgesamt sieben geplante Datenveröffentlichungen stehen im Kalender und in der JPM-Präsentation. Fünf davon gelten als potentiell zulassungsrelevant. Es geht um vorab definierte Wirksamkeits- und Sicherheitsanalysen, die darüber entscheiden, ob Programme in Richtung Zulassung voranschreiten oder neu bewertet werden müssen.
„Positive Ergebnisse aus diesen klinischen Studien könnten uns den Weg zu mehreren kurz- und mittelfristigen Produkteinführungen eröffnen“, sagt CEO Ugur Sahin. Entsprechend hoch ist die Bedeutung dieser Datenpunkte, nicht nur für einzelne Projekte, sondern für die Glaubwürdigkeit der gesamten Onkologiestrategie.
Ein weiterer Indikator für den ambitionierten Kurs ist die Zahl der späten Studien: Aktuell führt BioNTech neun Phase III-Studien im Bereich Onkologie durch. Für 2026 ist der Start von sechs weiteren geplant. Damit rechnet das Unternehmen bis Ende des Jahres mit insgesamt 15 laufenden Phase III-Programmen. Zu Beginn des Jahres 2025 waren es nur zwei Programme in der Phase III – ein gewaltiger Zuwachs, der mit vielen neuen Partnerschaften und Firmenübernahmen im Zusammenhang steht. Im Vergleich mit Branchenprimus Roche ist BioNTech damit schon fast in Sichtweite. Die Schweizer haben derzeit 18 weit fortgeschrittene Phase III-Programme in der Onkologie mit erwarteten Datenveröffentlichungen in diesem oder dem kommenden Jahr.
Rückblickend hat BioNTech die Zahl seiner Phase II- und Phase III-Studien in der Onkologie in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdoppelt. Derzeit laufen über 25 Studien mit Antikörpern, ADCs und mRNA-basierten Immuntherapien, oft in Kombination mit anderen Therapeutika. Bei diesem Umfang ist die Transformation vom Impfstoffspezialisten zum breit aufgestellten Onkologieunternehmen längst keine Frage mehr. Die aktuell größten Hoffnungen liegen dabei auf dem in China eingekauften bispezifische Antikörper Pumitamig (BNT327), der im Wettlauf mit Akeso/Summit Therapeutics sowie Pfizer/3SBio gut im Rennen liegt. Die Kombination von Checkpoint-Inhibitor und Vaskularisierungshemmung – PD-(L)1 x VEGF – ist derzeit die finanzstärkste Wette in der Onkologie, auch AbbVie steigt nun gerade in den Ring mit einer 5,6 Mrd.-Dollar-Akquisition der chinesischen RemeGen.
Doch dieser bispezifsche Antikörper, entwickelt von Biotheus, ist nicht das einzige Pferd aus dem BioNTech-Stall. Auch aus den Kooperationen mit OncoC4 sowie DualtiyBio werden Ergebnisse aus der Phase III erwartet. Selbst aus der eigenen mRNA-Entwicklung wird sich bei BNT113 mit den Phase III-Daten wohl endgültig zeigen, ob die singuläre Verabreichung eines Tumor-Neoantigen-Impfstoffes wirkungsvoll genug ist, oder in diesem Fall eher immer in einem Kombinationssetting vorgegangen werden sollte.
Kombinationstherapien als zweites Standbein
Apropos Kombinationen: Neben den späten Programmen setzt BioNTech weiterhin stark auf innovative Kombinationstherapien. Mehr als zehn frühe klinische Studien laufen derzeit, in denen der Wirkstoff Pumitamig (ehemals BNT327) mit anderen Immunmodulatoren, Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADCs) oder mRNA-basierten Krebsimmuntherapien kombiniert wird. Diese sogenannten novel-novel combinations sollen neue therapeutische Effekte erschließen, bergen aber naturgemäß auch zusätzliche Entwicklungsrisiken. Weitere Partnerschaften sind in diesem Bereich jederzeit möglich und denkbar, da die These von Sahin besagt, dass man den sich verändernden Krebs in einem Patienten niemals nur mit einer Waffe wird besiegen können. Man müsse „evolutiv mithalten“ und auf die durch eine Therapieanwendung oftmals ausgelöste Selektion neuer Krebsmutationen mit angepassten Wirkstoffen reagieren können.
Finanzielle Basis bleibt außergewöhnlich stark
Die finanzielle Ausgangslage für das gewaltige Onkologieprogramm der Mainzer ist weiterhin exzellent. Zum Jahresende 2025 verfügte BioNTech über rund 17,2 Mrd. Euro an liquiden Mitteln und Wertpapieren. Dies hat sich über mehrere Jahre trotz hoher Forschungs- und Entwicklungsausgaben kaum verändert. Getragen wird diese Position weiterhin vom COVID-19-Impfstoffgeschäft sowie nun neu von der strategischen Partnerschaft mit Bristol Myers Squibb. Für 2025 hatte BioNTech seine Umsatzprognose zuletzt auf 2,6 bis 2,8 Mrd. Euro angehoben und gleichzeitig die Kostenprognosen gesenkt.
Für 2026 erwartet das Unternehmen zwar einen moderaten Rückgang der Comirnaty-Umsätze, unter anderem aufgrund veränderter Impfempfehlungen und der zunehmenden Verlagerung in private Märkte. Umsätze aus eigenen Onkologieprodukten sind für das Jahr noch nicht eingeplant. Einnahmen aus der BMS-Kooperation sollen hingegen etwa auf Vorjahresniveau liegen, so dass sich wohl ein gewisses Abschmelzen des hohen Finanzpolsters zeigen dürfte.
Unterm Strich geht BioNTech mit einer selten starken Kombination aus Kapital, Pipeline und Partnernetzwerk in das Jahr 2026. Doch so solide die Ausgangslage auch ist: Entscheidend wird sein, ob die anstehenden klinischen Daten das wissenschaftliche Versprechen einlösen. Für BioNTech ist 2026 damit weniger ein Jahr der Ankündigungen, sondern eines der großen Vision, dem breitangelegten Kampf gegen den Krebs klinische Beweise folgen zu lassen.


Jean Jaques Schaffner / Basel Area Business & Innovation
Bayer AG
TECregen AG