
Biotechnologietage: Rituale an den Realitäten vorbei
Die deutsche und europäische Biotechnologiebranche traf sich in dieser Woche in Leipzig. Rund 900 Teilnehmer aus Wissenschaft, Industrie, Politik, Verwaltung und Medien nutzten die German Biotech Days, um sich im Kongresszentrum am Zoo Leipzig über aktuelle Entwicklungen in Forschung und Anwendung sowie über die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Branche auszutauschen. Organisiert wurde die Veranstaltung von BIO Deutschland e.V., dem Arbeitskreis der BioRegionen und biosaxony e.V. zusammen mit seiner Partnerregion InfectoGnostics Forschungscampus Jena.
Beim Branchentreffen der Life Sciences in Leipzig (den Deutschen Biotechnologietagen, die nun German Biotech Days heißen) zeigt sich einmal mehr das bekannte Spannungsfeld: große Ambitionen auf der Bühne, wachsende Herausforderungen im Alltag. Zwischen Aufbruchsrhetorik und geopolitischem Druck – Stichwort China – ringt die Branche um Tempo, Kapital und verlässliche Rahmenbedingungen.
Hohe Politik vor Ort – doch welche Eindrücke bleiben haften?
Die politische Bühne lieferte die erwarteten Signale. Bundesministerin Dorothee Bär bekannte sich klar zur Biotechnologie als Schlüsseltechnologie und sprach vom enormen Potenzial der Anwendungen von Gesundheitsforschung bis zu Ernährung und Klima. Programme wie das neuaufgelegte „Go Bio Next“ und die Hightech-Agenda sollen zusätzlichen Schub bringen. Immerhin sei die Biotechnologie nicht ohne Grund als eine der insgesamt sechs Schlüsselbranchen in diese Regierungsagenda aufgenommen worden. Der Anspruch, Deutschland zum „innovativsten Biotech-Standort der Welt“ zu entwickeln, wurde mit Applaus aufgenommen – allerdings nicht ohne Skepsis.
Auch auf Landesebene wird ambitioniert geplant. Leipzigs Bürgermeister verwies auf die Initiative „Creation“, mit der Sachsen bei großen Forschungsinfrastrukturen punkten will. Rund 200 Mio. Euro aus einem milliardenschweren Fördertopf möchte man für Leipzig abgreifen und erscheint dabei fast bescheiden im Vergleich zu anderen Großvorhaben, über deren konkrete Relevanz für Wirtschaft und Gesellschaft man auch streiten könne (Stichwort: Sternenkucker). Gleichzeitig zeigen Projekte wie das eigentlich sehr erfolgreiche Translationsprogramm für frühen Anschub von Medizintechnik-Innovationen – „Medical Forge“ –, wie schnell EU-Beihilferegeln zur Hürde werden können. Dort hake es im Hintergrund gerade gewaltig, ist zu hören.
Branche adressiert Politik mit bekannten Klagen, aber wenigen Lösungen für aktuelle Krisen
Aus der Branche selbst kommen vertraute, aber zunehmend dringlicher vorgetragene Forderungen. Oliver Uecke betonte die historisch gewachsene Offenheit Leipzigs als Grundlage für Innovation und erinnerte in sehr persönlichen Worten über die Zeiten der Wiedervereinigung daran, dass Freiheit und Austausch zentrale Standortfaktoren bleiben. Roland Sackers, Vorstand von BIO Deutschland und zugleich CFO vom Branchenaushängeschild Qiagen forderte (einmal mehr) mehr Mut und Geschwindigkeit: Die Zutaten für Wachstum seien vorhanden, doch es fehle an konsequenter Umsetzung und Skalierung.
Wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Realität ist, schilderten Unternehmensvertreter. Dominik Schumacher verwies auf den Verkauf seines Unternehmens Tubulis, München, an Gilead Sciences – auch wegen des starken Talentpools in Deutschland. Gleichzeitig kritisierte er langsame klinische Prozesse: Wer Studienstandorte erweitere und zu einer Strategie der klinischen Forschung hinzufügen wolle, werde ausgebremst. Hier soll eine Regelung im europäischen Biotech Act Abhilfe schaffen – hoffentlich.
Auch Boehringer Ingelheim mahnte mehr Kohärenz an. Der Standort Europa könne nur bestehen, wenn Forschung und Produktion zusammen gedacht werden – andernfalls drohe ein schleichender Verlust beider Sektoren. Die Diskrepanz zwischen politischen Ankündigungen und tatsächlicher Regulierung sei spürbar: Während auf Podien beschleunigte Verfahren gefordert würden, führten Kostendebatten und fragmentierte Zuständigkeiten oft in die Gegenrichtung.
Rituale treffen kaum auf Realitäten
Die Biotech-Tage hatten sich in der vorangegangenen Ausgabe vor einem Jahr in Heidelberg spürbar internationaler positioniert, europäischer. Der Heidelberger Bürgermeister hatte wie selbstverständlich auf Englisch eröffnet und den Ton gesetzt. In Leipzig war man doch wieder zurück beim deutschen Klassentreffen der Branche, wobei man sich unweigerlich fragen musste, welche Abschlussklasse trifft sich hier eigentlich immer wieder? Diejenige von 1995-97, den Jahren als mit BioRegio viel in Bewegung kam in der deutschen Biotech-Szene? Oder waren es jüngere Jahrgänge, die auch den Generationswechsel nicht nur symbolisierten, sondern tatkräftig gestalteten? Davon war eher weniger zu sehen, außer speziell eingeladen auf ein Podium, zu einem Vortrag. Die Liste der nicht vertretenen deutschen Biotech-Unternehmen wäre mindestens doppelt so lang wie die der Teilnehmer.
Ein weiterer zentraler Punkt, wenig überraschend: Kapital. Zwar sei global ausreichend Geld vorhanden, so Schumacher, doch europäische Investoren gingen häufig nur begrenzt ins Risiko, bis zu einer bestimmten Größenordnung. Frühphasenfinanzierung funktioniere, für spätere Skalierung werde es schwieriger. Dieses strukturelle Problem führe im internationalen Wettbewerb zu internationalen Investorenkonsortien und damit zwangsläufig zum Exit in internationalerem Gelände.

Geübte Praxis der Staffelstabweitergabe. Nach Leipzig folgt Düsseldorf 2027
So bleibt nach zwei Tagen Austausch ein ambivalentes Bild. Die Branche inszeniert sich routiniert als Innovationsmotor und formuliert klare Erwartungen an die Politik. Gleichzeitig wächst der Druck von außen – durch schnellere Märkte, aggressivere Standortstrategien und neue globale Dynamiken. Der oft beschworene „Biotech-Standort Deutschland“ steht damit weniger vor einer Frage des Wollens als des Umsetzens. Doch auch diese Erkenntnis ist nicht gerade neu.
Ein zweiter Teil der Betrachtungen folgt.

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