Ethris GmbH

EIB finanziert Ethris: 30 Millionen Euro für ein antivirales mRNA-Prinzip

Die Europäische Investitionsbank (EIB) stellt der Ethris GmbH 30 Mio. Euro zur Verfügung, um den mRNA-Kandidaten ETH47 weiter klinisch zu entwickeln. Der Münchner RNA-Spezialist arbeitet bereits seit mehreren Jahren an dem breit angelegten antiviralen Ansatz. Dass nun ausgerechnet die EIB einsteigt, zeigt aber auch das Dilemma der Pandemievorsorge: Der gesellschaftliche Nutzen eines Breitband-Antivirals ist groß, der kommerziell kalkulierbare Markt dagegen schwerer zu greifen.

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30 Mio. Euro Venture Debt stellt die EIB dem Münchner Biotech-Unternehmen Ethris im Rahmen von HERA Invest zur Verfügung. Das Geld soll vor allem helfen, ETH47 in die nächste klinische Entwicklungsphase zu bringen. Geplant ist eine Phase IIb-Entwicklung bei Asthma und COPD. Weitere respiratorische mRNA-Programme, darunter ETH52 und ETH53 für Schleimhautimpfstoffe gegen Influenza und zur Pandemievorsorge, sollen ebenfalls profitieren.

ETH47 ist ein mRNA-basierter Kandidat, der lokal in den Atemwegen verabreicht wird. Die mRNA codiert Interferon lambda, das eine antivirale Immunantwort an der Eintrittspforte von Atemwegsviren auslösen soll. Anders als klassische antivirale Wirkstoffe richtet sich der Ansatz damit nicht gegen ein bestimmtes virales Protein. Das soll ihn grundsätzlich unabhängig von Virusfamilie und Mutation machen.

Kein neuer Ansatz

Ethris arbeitet seit Jahren an ETH47 und hat den Kandidaten bereits durch die frühe klinische Entwicklung geführt. Im Juni 2024 meldete das Unternehmen erste positive Phase I-Daten zur nasalen Verabreichung. Im Januar 2025 folgten die vollständigen Topline-Daten aus der Phase I mit 40 gesunden Probanden. Dabei zeigte ETH47 eine dosisabhängige Bildung von IFNlambda in der Nasenschleimhaut und eine Aktivierung antiviraler Gene; eine systemische Verfügbarkeit wurde nicht beobachtet.

Im August 2025 erhielt dann der erste Patient ETH47 in der Phase IIa. Die Studie untersucht bei Asthmapatienten nach einer Rhinovirus-Infektion, ob der Kandidat Atemwegssymptome reduzieren kann. Nach erfolgreichem Abschluss soll die breitere Phase IIb folgen.

Die jetzt zugesagte EIB-Finanzierung hat dabei ein Gesamtvolumen von 91 Mio. Euro für das unterstützte Entwicklungsprojekt. Die 30 Mio. Euro EIB-Mittel sind als Venture Debt strukturiert und sollen die Laufzeit der Finanzierung verlängern und weitere Investoren anziehen.

Warum braucht es dafür die EIB?

Die Frage ist durchaus erlaubt: Wenn ETH47 tatsächlich gegen eine Vielzahl von Atemwegsviren einsetzbar sein könnte – warum finanziert das dann nicht einfach ein klassischer Biotech- oder Pharmainvestor?

Die Antwort liegt weniger in der Technologie als im Geschäftsmodell. Ein Breitband-Antiviral lässt sich nicht einfach einem einzelnen Erreger und damit einem klar kalkulierbaren Markt zuordnen. Für die Pandemievorsorge ist ein Wirkstoff besonders wertvoll, bevor man weiß, welchen Erreger die nächste Krise hervorbringt. Genau dann ist aber auch noch unklar, wann und in welchem Umfang er tatsächlich gebraucht wird.

Während man schon in manchem Antragstext zur Erweichung der Fördergeldgeber das Wort von einem Marktversagen gelesen oder sogar selbst hineingeschrieben haben mag, um damit deutlich zu machen, dass aus anderer Quelle für die dringend benötigte Innovation einfach keine Finanzierung fließen wird, ist dieser Wortlaut auf öffentlicher Seite eher selten.

Die EIB spricht in ihren Unterlagen jedoch ungewöhnlich offen von einem „Marktversagen“: Es gebe für die Entwicklung solcher Technologien nur begrenzten Zugang zu geeigneter kommerzieller Finanzierung, unter anderem wegen Informationsasymmetrien und nicht zusammenpassender Anreize. Das Venture-Debt-Modell soll deshalb  private Investoren nicht ersetzen, sondern zusätzliches Kapital mobilisieren und das Entwicklungsrisiko abfedern.

HERA Invest ist genau für diese Lücke geschaffen worden. Das Programm unterstützt klinische Entwicklungsprojekte gegen grenzüberschreitende Gesundheitsgefahren, bei denen der Finanzierungsbedarf hoch, das private Kapitalangebot aber zu gering ist. Die EIB kann dabei Kredite von bis zu 50% der Investitionskosten bereitstellen; Voraussetzung ist unter anderem, dass das Unternehmen bereits Eigenkapital professioneller Investoren eingeworben hat.

Ethris-CEO und Mitgründer Carsten Rudolph sieht in der Finanzierung deshalb mehr als eine gewöhnliche Unternehmensfinanzierung. ETH47 könne, so Rudolph, „virale Bedrohungen direkt am Eintrittsort“ bekämpfen. Gerade der nicht virusspezifische Mechanismus eröffne „breites antivirales Potenzial gegen eine Vielzahl von Virusfamilien“.

Auch EIB-Vizepräsidentin Nicola Beer betont den strategischen Aspekt. Die Finanzierung unterstütze eine europäische mRNA-Innovation auf dem Weg vom Labor zum Patienten und könne zugleich „Europas pharmazeutisches und biotechnologisches Ökosystem sowie Resilienz und Pandemievorsorge stärken“.

Für Laurent Muschel, den stellvertretenden Leiter von DG HERA, kommen bei Ethris gleich mehrere für die Vorsorge interessante Ansätze zusammen: stabilisierte mRNA, eine lokale Verabreichung über die Nase und ein Wirkmechanismus, der den Wirt statt eines bestimmten Erregers angreift. „Damit könnte man mehrere Virusfamilien bekämpfen, statt sich jeweils auf einen Erreger zu konzentrieren“, so Muschel.

Was ist aus der Pandemievorsorge geworden?

Die Ethris-Finanzierung ist damit auch ein Blick auf die Frage, was inzwischen aus den nach Covid-19 aufgelegten europäischen Vorsorgeprogrammen geworden ist. HERA verfolgt längst einen breiteren Ansatz: Neben Forschung und Entwicklung gehören Beschaffung und Vorratshaltung, Bedrohungsanalysen sowie die Sicherung von Produktionskapazitäten zum Auftrag. Für EU4Health stehen HERA bis 2027 rund 2,8 Mrd. Euro zur Verfügung, weitere rund 1,7 Mrd. Euro sind über Horizon Europe für entsprechende Aktivitäten vorgesehen.

HERA Invest selbst ist mit 100 Mio. Euro ausgestattet und soll innovative kleine und mittlere Unternehmen in frühen und späten klinischen Phasen unterstützen. Ziel ist ausdrücklich, mit öffentlichem Geld privates Kapital für medizinische Gegenmaßnahmen zu mobilisieren.

Ethris ist dabei nicht der einzige Baustein. Das Unternehmen erhielt Anfang 2025 zudem 5 Mio. US-Dollar von CEPI für die Entwicklung sprühgetrockneter RNA-Impfstoffe, die bei Raumtemperatur stabiler sein und über Schleimhäute verabreicht werden sollen.

Damit entsteht allmählich ein Portfolio unterschiedlicher Vorsorgetechnologien – von Impfstoffen über Antikörper bis zu antiviralen Wirkstoffen. Die Herausforderung bleibt jedoch dieselbe wie unmittelbar nach der Pandemie: Wie viel Bereitschaft zur Vorfinanzierung besteht, wenn der konkrete Erreger noch unbekannt ist?

Bei Ethris setzt Europa deshalb nicht einfach auf einen einzelnen Wirkstoff. Die EIB versucht vielmehr, eine Technologie durch die klinische Entwicklung zu bringen, deren Wert sich möglicherweise erst in einer künftigen Krise vollständig zeigt. Ob ETH47 tatsächlich ein breit einsetzbares Antiviral wird, müssen allerdings  die nächsten klinischen Studien erst zeigen. Gerade darin liegt der Unterschied zwischen Pandemievorsorge und klassischer Arzneimittelentwicklung: Investiert wird nicht nur in einen möglichen Markt, sondern auch in die Fähigkeit, beim nächsten unbekannten Erreger schneller reagieren zu können.

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