
Millionen für Präklinik: Boehringer kooperiert mit Immunitas
Mit einem neuen Immunologie-Deal baut Boehringer Ingelheim seine Präsenz im boomenden Feld zellselektiver Autoimmuntherapien aus. Die Rechte an einem präklinischen Antikörper von Immunitas Therapeutics könnten bis zu 407,5 Mio. Euro kosten. Der Deal zeigt, wie stark der Wettbewerb um neuartige Entzündungsansätze gerade Fahrt aufnimmt.
Mit einem neuen Lizenzdeal im potenziellen Gesamtwert von bis zu 407,5 Mio. Euro baut Boehringer Ingelheim seine Aktivitäten im Bereich chronisch-entzündlicher und Autoimmunerkrankungen weiter aus. Der Pharmakonzern sicherte sich die globalen Rechte an einem präklinischen Antikörperprogramm von Immunitas Therapeutics, das auf die selektive Ausschaltung krankheitsrelevanter Immunzellen abzielt.
Immunitas (Waltham, USA) gehört interessanterweise zu den Beteiligungen der Hamburger Evotec, startete 2019 mit 39 Mio. US-Dollar und war 2021 mit einer Serie-B-Finanzierung über weitere 58 Mio. US-Dollar ausgestattet worden, an der unter anderem Venture-Arme von Novartis, der deutschen Merck und Bayer beteiligt waren. Das US-Unternehmen entwickelt ursprünglich Antikörper gegen CD161 für solide Tumoren und hämatologische Krebserkrankungen, untersucht die zugrunde liegende Immunzell-Biologie inzwischen aber auch im Kontext autoimmuner Erkrankungen.
Zielstruktur bleibt im Dunkeln
Welche Zielstruktur das nun lizenzierte Programm genau adressiert, ließ Boehringer offen. Nach Angaben des Unternehmens soll der Antikörper jedoch gezielt jene Zellen eliminieren, die „eine zentrale Rolle bei chronischen Entzündungsprozessen“ spielen. Der Ansatz unterscheidet sich damit von klassischen entzündungshemmenden Therapien, die meist einzelne Zytokine oder Signalwege blockieren. Stattdessen rückt zunehmend die selektive Depletion krankheitsverursachender Immunzellpopulationen in den Fokus.
Der Trend ist derzeit einer der dynamischsten in der Immunologie. Auslöser war unter anderem die starke klinische Aufmerksamkeit für CAR-T-Zelltherapien bei schweren Autoimmunerkrankungen wie Lupus, bei denen durch die Ausschaltung autoreaktiver B-Zellen teils langanhaltende Remissionen beobachtet wurden. In der Folge investieren zahlreiche Unternehmen in neue Konzepte zur gezielten Immunzell-Depletion – sowohl über Zelltherapien als auch über Antikörper oder T-Zell-Engager, denn dies könnte deutlich kostengünstiger sein als ein individuelles CAR-T-Produkt. Die reine B-Zell-Depletion etwa über einen Anti-CD20-Antikörper wie Rituximab zeigt zwar klinische Wirkung, jedoch wurde der gewünschte Effekt bei der CAR-T-Anwendung viel deutlicher und nachhaltiger erzielt. Es könnten also weitere Faktoren für die beste klinische Wirkung eine Rolle spielen, daher das große Interesse der Industrie an solchen Ansatzpunkten.
Boehringer gehört dabei zu den derzeit besonders aktiven Akteuren im Business Development. Erst 2025 hatte das Unternehmen einen Autoimmun-Deal mit CDR-Life abgeschlossen und sich für 48 Mio. US-Dollar Vorabzahlung Rechte an einem trispezifischen T-Zell-Engager gesichert, der ebenfalls auf die Eliminierung pathogener B-Zellen abzielt. Hinzu kamen in den vergangenen Jahren mehrere Partnerschaften in den Bereichen Fibrose, Immunologie und Onkologie, darunter Kooperationen mit Cue Biopharma, Enleofen Bio und anderen Technologieplattformen.
Gezielt ist wichtig, jeder Zelltyp gerät auf den Radar
Branchenweit zeigt sich dabei eine Verschiebung hin zu präziser Immunmodulation. Während B-Zell-depletierende Ansätze inzwischen stark besetzt sind, versuchen einige Unternehmen nun gezielt T-Zell-Populationen therapeutisch zu adressieren. Immunitas gehört hier zu einer vergleichsweise kleinen Gruppe von Firmen mit entsprechenden Entwicklungsprogrammen.
Allerdings bleibt das Feld risikoreich. So musste zuletzt Abcuro mit seinem anti-KLRG1-Antikörper Ulviprubart einen Rückschlag in einer Phase II/III-Studie hinnehmen. Dennoch gilt der therapeutische Ansatz weiterhin als vielversprechend, da viele Patienten mit schweren Autoimmunerkrankungen auf etablierte Therapien nicht ausreichend ansprechen.
Für die Hamburger Evotec ist die Transaktion ein weiterer Beleg dafür, dass sich Beteiligungen aus dem eigenen Innovationsnetzwerk strategisch weiterentwickeln. Einige Verkäufe solcher Anteile in jüngster Zeit brachten einen dreistelligen Millionensegen an die Elbe. Das Hamburger Unternehmen hat in den vergangenen Jahren verstärkt auf Beteiligungen, Plattformpartnerschaften und gemeinsame Wirkstoffentwicklungen gesetzt, um neben dem klassischen Forschungsdienstleistungsgeschäft zusätzliche Wertschöpfungspotenziale aufzubauen. Ob diese Strategie auch zukünftig eine große Rolle spielen soll, ist aber noch nicht abschließend geklärt.

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