
Moderna-Erfolg belebt die mRNA-Krebsforschung – und rückt BioNTech mit ins Rampenlicht
Der Erfolg einer personalisierten mRNA-Krebsimmuntherapie von Moderna und der US-amerikanischen Merck in einer Phase-III-Studie lässt die mRNA-Branche aufatmen. Besonders stark reagiert die BioNTech-Aktie. Dahinter steckt mehr als ein kurzfristiger Börseneffekt: Die Daten könnten erstmals in größerem Maßstab zeigen, dass mRNA auch jenseits von Covid-19 eine therapeutische Plattform sein kann.
Moderna und Merck haben mit Intismeran autogene (V940) in der Phase-III-Studie INTerpath-001 beide primären Endpunkte erreicht: Die Kombination mit Keytruda (Pembrolizumab) verlängerte bei Patienten mit vollständig entferntem Hochrisiko-Melanom die Zeit ohne Rückfall sowie ohne Fernmetastasen gegenüber Keytruda allein. Die Studie umfasste 1.137 Patienten.
Die ausführlichen Daten stehen allerdings noch aus. Insbesondere sind noch keine belastbaren Ergebnisse zum Gesamtüberleben veröffentlicht. Auch Fragen zu Sicherheit, Herstellung und Kosten der individualisierten Therapie müssen beantwortet werden.
Was macht die Kombination so interessant?
V940 ist keine klassische prophylaktische Impfung. Für jeden Patienten werden die genetischen Veränderungen des Tumors analysiert. Daraus werden Neoantigene identifiziert – Merkmale, die möglichst spezifisch für die Krebszellen sind. Die mRNA kodiert anschließend für diese individuellen Zielstrukturen und soll das Immunsystem darauf trainieren, die Tumorzellen zu erkennen.
Keytruda übernimmt dabei gewissermaßen den zweiten Teil des Jobs: Der PD-1-Hemmer löst eine immunologische Bremse und ermöglicht T-Zellen, ihre Arbeit gegen den Tumor besser auszuführen.
Das Prinzip lautet also: Die mRNA-Impfung liefert das Ziel, Keytruda nimmt die Bremse weg. Genau diese Kombination könnte entscheidend sein, weil die personalisierte Vakzine nicht das Immunsystem allgemein stimulieren soll, sondern möglichst präzise gegen die individuellen Eigenschaften des Tumors richtet.
Das Comeback der mRNA?
Nach dem Covid-19-Boom hatte die mRNA-Branche ein Problem: Die Technologie war zwar in der Pandemie spektakulär validiert worden, doch die Nachfrage nach Covid-Impfstoffen brach ein. Seitdem musste sich zeigen, ob mRNA auch außerhalb von Infektionskrankheiten therapeutisch relevant werden kann.
Der Moderna/Merck-Erfolg liefert nun einen wichtigen Baustein für diese These. Es geht nicht mehr nur darum, ob mRNA einen Impfstoff schnell herstellen kann. Es geht darum, ob sie als programmierbare Plattform für individualisierte Therapien funktioniert.
Die Börse reagierte entsprechend. Moderna schoss zeitweise mehr als 100% nach oben, Merck gewann ebenfalls deutlich. Auch andere mRNA- und Krebsimmuntherapie-Unternehmen wurden mitgezogen.
BioNTech: der wichtigste Nutznießer?
Besonders interessant ist der Blick nach Mainz. BioNTech legte zeitweise rund 20% zu. Das ist nachvollziehbar: Das Unternehmen verfolgt seit Jahren einen sehr ähnlichen Ansatz und hat mit Autogene Cevumeran (BNT122/RO7198457)ebenfalls eine individualisierte, neoantigenspezifische mRNA-Krebsimmuntherapie in der Entwicklung – gemeinsam mit Genentech/Roche.
Der wichtigste Unterschied: BioNTech hat noch keinen vergleichbaren Phase-III-Erfolg mit diesem Ansatz.Autogene Cevumeran befindet sich unter anderem in Phase II bei adjuvantem Darmkrebs und wird auch bei Bauchspeicheldrüsenkrebs untersucht. Für die finale Analyse einer wichtigen Darmkrebsstudie wurde der erwartete Datenzeitpunkt zuletzt auf 2027 verschoben.
BioNTech hat allerdings deutlich mehr als nur diese eine mRNA-Wette. Die Onkologie-Pipeline umfasst weitere mRNA-Krebsimmuntherapien wie BNT113 und BNT116, daneben ADCs und Immunmodulatoren. Das Unternehmen setzt damit zunehmend auf eine Kombination verschiedener Technologien.
Der Moderna-Erfolg ist deshalb vor allem eine Plattformvalidierung für BioNTech: Wenn personalisierte mRNA-Krebsimpfstoffe tatsächlich einen klinisch relevanten Nutzen zeigen, steigt der Wert der eigenen Programme – auch wenn deren Wirksamkeit noch bewiesen werden muss.
Nicht jede Firma mit Impfstofftechnologie profitiert
Auch Novavax legte zu, aber deutlich weniger als Moderna oder BioNTech. Das hat einen einfachen Grund: Die technologische Vergleichbarkeit ist wesentlich geringer.
Novavax setzt auf eine rekombinante Proteinplattform und nicht auf mRNA. Der Moderna-Erfolg ist deshalb kein direkter Beleg für die Wirksamkeit oder das Potenzial der Novavax-Technologie. Dass die Aktie dennoch mitgezogen wurde, dürfte eher Ausdruck der allgemeinen Neubewertung von Impfstoff- und Biotechwerten sein.
Der eigentliche Test beginnt nun erst. Eine individualisierte Krebsimpfung muss nicht nur klinisch funktionieren, sondern auch schnell, zuverlässig und zu vertretbaren Kosten für viele einzelne Patienten hergestellt werden können. Genau hier liegt eine der größten offenen Fragen des Ansatzes.
Aber der Signalwert der Moderna-Daten ist erheblich: mRNA könnte gerade dabei sein, sich vom Covid-Produkt zur Plattformtechnologie für die personalisierte Medizin zu entwickeln. Und wenn das stimmt, dürfte BioNTech zu den Unternehmen gehören, bei denen Anleger jetzt besonders genau hinschauen.
Hintergrund
Warum mRNA gegen Krebs so lange auf den Durchbruch warten musste
Die Idee ist nicht neu. An mRNA-basierten Krebsimpfstoffen wird seit den 1990er-Jahren gearbeitet. Erste klinische Studien zeigten zwar, dass sich tumorspezifische T-Zell-Antworten auslösen lassen – einen überzeugenden klinischen Nutzen konnten die frühen Ansätze aber meist nicht zeigen.
Warum war das so schwierig? Krebs ist kein Virus mit einem klar definierten, fremden Antigen. Tumorzellen ähneln dem eigenen Gewebe, und ihre Mutationen unterscheiden sich von Patient zu Patient. Hinzu kamen Probleme mit der Stabilität der mRNA, ihrer gezielten Aufnahme in die richtigen Zellen und der Frage, wie eine ausreichend starke und dauerhafte Immunantwort erzeugt werden kann. Viele frühe Studien waren deshalb klein, explorativ und zeigten zwar Immunreaktionen, aber kaum belastbare Hinweise auf einen Behandlungserfolg.
Was hat sich verändert? Die Covid-19-Pandemie brachte entscheidende Fortschritte bei mRNA- und Lipid-Nanopartikel-Technologien. Gleichzeitig wurde die Idee der personalisierten Neoantigen-Impfstoffe praktikabler: Statt einen gemeinsamen Tumormarker zu verwenden, analysieren die Entwickler die individuellen Mutationen eines Tumors und bauen daraus einen patientenspezifischen Impfstoff. Die mRNA dient dabei als Bauplan für die entsprechenden Tumorantigene.
Der entscheidende Schritt ist nun die Kombination. Moderna und Merck setzen Intismeran nicht als alleinige Krebstherapie ein, sondern zusammen mit Keytruda, einem PD-1-Checkpoint-Inhibitor. Die Impfung soll T-Zellen gezielt gegen den Tumor ausrichten, während Keytruda eine wichtige Bremse der Immunantwort löst. Genau diese Kombination hat im Phase-III-Melanomprogramm nun erstmals einen statistisch signifikanten klinischen Vorteil gezeigt.
Das macht den aktuellen Erfolg größer als nur ein positives Ergebnis für Moderna: Er liefert einen wichtigen klinischen Beleg dafür, dass mRNA tatsächlich Teil einer wirksamen Krebsimmuntherapie sein kann. Gleichzeitig sind die vollständigen Daten noch nicht veröffentlicht; insbesondere Gesamtüberleben, Detaildaten zur Wirksamkeit und die praktische Skalierung der personalisierten Herstellung bleiben wichtige Fragen.

Fraunhofer IGB
DSMZ/Nagel et al. (2026)
Uwe Simon de Lima