
Roche und Proteinabbau: Milliarden-Deal mit Nurix für BTK-Degrader
Der Schweizer Pharmakonzern Roche baut sein Engagement im Bereich des gezielten Proteinabbaus (Degrader-Technologie) weiter aus. Für bis zu 2,3 Mrd. US-Dollar sichert sich das Unternehmen die Rechte an dem BTK-Degrader Bexobrutideg (NX-5948) von Nurix Therapeutics. Das Präparat soll zunächst bei B-Zell-Malignomen entwickelt werden, könnte perspektivisch aber auch bei Autoimmun- und neurologischen Erkrankungen zum Einsatz kommen.
Die Vereinbarung des Schweizer Konzerns mit dem US-amerikanischen Unternehmen umfasst eine Vorauszahlung von 700 Mio. US-Dollar. Entwicklungskosten werden im Verhältnis 60:40 zwischen Roche und Nurix aufgeteilt. In den USA wollen beide Unternehmen den Wirkstoff gemeinsam vermarkten, außerhalb der USA übernimmt Roche die Kommerzialisierung.
BTK als etabliertes Ziel in der Hämatologie
Im Zentrum des Deals steht die Bruton-Tyrosinkinase (BTK), ein Schlüsselmolekül der B-Zell-Signalübertragung. Seit der Einführung von BTK-Inhibitoren wie Ibrutinib hat sich die Behandlung chronischer lymphatischer Leukämien (CLL) und verschiedener Non-Hodgkin-Lymphome grundlegend verändert. Die Wirkstoffe blockieren die Kinaseaktivität von BTK und unterbrechen damit wichtige Überlebenssignale der Tumorzellen.
Trotz dieser Erfolge bleiben Resistenzentwicklungen ein zentrales Problem. Insbesondere Mutationen in BTK oder nachgeschalteten Signalwegen können die Wirksamkeit der Inhibitoren einschränken. Zudem brechen manche Patienten die Therapie aufgrund von Nebenwirkungen ab.
Hier setzt der Ansatz der gezielten Protein-Degradation an. Statt die Aktivität des Proteins lediglich zu hemmen, wird das Zielprotein vollständig aus der Zelle entfernt. Bexobrutideg nutzt dafür den zelleigenen Proteinabbauapparat und eliminiert BTK. Dadurch werden sowohl die enzymatische Funktion als auch strukturelle Aufgaben des Proteins ausgeschaltet. Dieser Mechanismus könnte bestehende Resistenzmechanismen überwinden und die Wirksamkeit gegenüber klassischen BTK-Inhibitoren erhöhen.
Phase III in CLL geplant
Bexobrutideg befindet sich derzeit in der klinischen Entwicklung für rezidivierte oder refraktäre B-Zell-Malignome. Noch im Sommer 2026 soll eine Phase III-Studie als Zweitlinientherapie bei CLL starten. Nach Angaben von Nurix deuten bisherige Studiendaten auf eine hohe Wirksamkeit und eine gute Verträglichkeit hin.
Darüber hinaus könnte der Wirkstoff auch außerhalb der Onkologie interessant werden. BTK spielt nicht nur in malignen B-Zellen eine zentrale Rolle, sondern ist auch an Entzündungs- und Immunprozessen beteiligt. Roche plant deshalb Entwicklungsprogramme in der Immunologie, unter anderem bei chronischer spontaner Urtikaria, sowie in der Neurologie, beispielsweise bei Multipler Sklerose. Von besonderem Interesse ist dabei die Fähigkeit von Bexobrutideg, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden.
Roche baut Degrader-Portfolio aus
Die Vereinbarung mit Nurix fügt sich in eine breitere Strategie von Roche ein. Der Konzern gehört zu den aktivsten Pharmagruppen im Bereich der gezielten Protein-Degradation, einem Feld, das von vielen Beobachtern als mögliche Weiterentwicklung klassischer Small-Molecule-Therapien angesehen wird.
Bereits 2024 hatte Roche eine milliardenschwere Kooperation mit dem Degrader-Spezialisten Arvinas geschlossen. Im Fokus standen damals neuartige Protein-Degrader gegen bislang schwer adressierbare Zielstrukturen in Onkologie und Immunologie. Zudem arbeitet Roche seit mehreren Jahren mit verschiedenen Technologieanbietern an sogenannten Molecular-Glue- und PROTAC-Plattformen.
Für Nurix ist der Vertrag einer der bisher größten Deals in der Geschichte des Unternehmens. Die Gesellschaft zählt neben Arvinas, C4 Therapeutics und Kymera Therapeutics zu den Pionieren des Degrader-Sektors. Das Unternehmen verfügt über eine eigene Plattform zur Entwicklung sogenannter E3-Ligase-basierter Wirkstoffe, die Proteine gezielt für den Abbau markieren.
Wettlauf um die nächste Generation zielgerichteter Therapien
Der Markt für BTK-gerichtete Therapien wächst weiterhin stark. Analysten erwarten für BTK-Wirkstoffe in den kommenden Jahren Umsätze in Milliardenhöhe, insbesondere im Bereich der CLL und der Non-Hodgkin-Lymphome. Mit dem Einstieg in die klinische Spätphase positioniert Roche nun einen Wirkstoffkandidaten, der über die Grenzen klassischer Kinasehemmung hinausgehen soll.
Ob BTK-Degrader tatsächlich einen klinischen Vorteil gegenüber etablierten Inhibitoren bieten, müssen die laufenden und geplanten Studien jedoch erst zeigen. Sollte sich der Ansatz bewähren, könnte er zu den ersten breit eingesetzten Anwendungen der gezielten Protein-Degradation in Hämatologie, Immunologie und Neurologie gehören.

Dan Race - stock.adobe.com
Nuclidium AG
Wikimedia Commons; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en