
siRNA: Merck kauft Silence Therapeutics mit einem satten Aufschlag
Für 1,3 Mrd. US-Dollar übernimmt die Merck KGaA das britische Biotech-Unternehmen Silence Therapeutics. Der wichtigste Werttreiber ist ein siRNA-Kandidat gegen Polycythaemia vera. Doch auch die Forschungsplattform und der Berliner Standort gehören zum Paket. Der Deal ist ein weiteres Signal, dass RNA-Interferenz den Weg aus der Spezialtechnologie in ein breiteres Arzneimittelgeschäft findet. Merck lässt mit einem Aufschlag von 80% zum aktuellen Kurs manches Herz in der siRNA-Szene höher schlagen.
Die Merck KGaA greift erneut im Biotech-Markt zu. Der Darmstädter Pharma- und Technologiekonzern hat eine Vereinbarung zur Übernahme von Silence Therapeutics geschlossen. Der Kaufpreis beträgt 20 US-Dollar je American Depositary Share (ADS) in bar. Das entspricht einem Eigenkapitalwert von rund 1,3 Mrd. US-Dollar und einem Unternehmenswert von etwa 1,1 Mrd. US-Dollar. Die Transaktion soll im ersten Quartal 2027 abgeschlossen werden, sofern die üblichen Bedingungen einschließlich der Zustimmung der Silence-Aktionäre und regulatorischer Genehmigungen erfüllt sind. Finanziert werden soll sie über neue Schulden.
Der größte unmittelbare Werttreiber ist Divesiran, ein siRNA-Wirkstoffkandidat gegen Polycythaemia vera (PV). Bei dieser chronischen myeloproliferativen Erkrankung produziert das Knochenmark zu viele rote Blutkörperchen. Das erhöht unter anderem das Risiko für Thrombosen und andere kardiovaskuläre Komplikationen. Viele Betroffene benötigen regelmäßige Aderlässe, um den Hämatokritwert – den Anteil der roten Blutkörperchen am Blutvolumen – unter Kontrolle zu halten.
Divesiran setzt nicht direkt an der Blutbildung im Knochenmark an, sondern an der Regulation des Eisenstoffwechsels. Der Wirkstoff soll in Leberzellen die Bildung des Proteins TMPRSS6 unterdrücken. Dieses hemmt normalerweise das Hormon Hepcidin, das die Verfügbarkeit von Eisen im Körper reguliert. Steigt der Hepcidinspiegel, steht weniger Eisen für die Produktion roter Blutkörperchen zur Verfügung. Damit will Silence die Blutbildung drosseln und den Bedarf an Aderlässen senken.
Phase II-Daten machen den Weg für Phase III frei
Die Übernahme folgt aufgrund positiver Ergebnisse der Phase II-Studie SANRECO, die Silence im August 2026 vorgelegt hatte. An der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie nahmen 48 Patienten mit PV teil, die auf Aderlässe angewiesen waren. Der primäre Endpunkt wurde erreicht: 88 Prozent der mit Divesiran behandelten Patienten sprachen an, verglichen mit 19 Prozent in der Placebogruppe. Als Ansprechen galt, dass zwischen Woche 18 und 36 kein Aderlass erforderlich war und der Hämatokritwert unter 45 Prozent blieb.
Auch die Zahl der Aderlässe sank deutlich. In den ersten 36 Wochen waren es im Mittel 0,2 pro Patient unter Divesiran gegenüber 2,1 unter Placebo. Die beiden untersuchten Dosierungsintervalle – alle sechs beziehungsweise alle zwölf Wochen – zeigten ebenfalls Ansprechraten. Nach Unternehmensangaben war das Präparat gut verträglich; neue Sicherheitssignale traten nicht auf. Es wurden zwei Fälle leichter Anämie als möglicherweise behandlungsbedingt eingestuft.
Das sind aussichtsreiche Daten für einen Wirkstoff, der möglicherweise nur alle drei Monate unter die Haut gespritzt werden muss. Allerdings stammt die Auswertung aus einer vergleichsweise kleinen Phase II-Studie mit einer Beobachtungsdauer von 36 Wochen. Ob sich Wirksamkeit und Sicherheit in einer größeren Studie bestätigen und ob sich die Behandlung langfristig auf Komplikationen und Lebensqualität auswirkt, muss erst noch geklärt werden.
Silence hatte angekündigt, im ersten Halbjahr 2027 eine Phase III-Studie mit einer zwölfwöchentlichen Dosierung zu beginnen. Genau für diesen Entwicklungsschritt dürfte Merck die nötigen Ressourcen und die spätere Vermarktungsinfrastruktur bereitstellen können. Für den Darmstädter Konzern bedeutet der Zukauf zugleich einen Einstieg in die Hämatologie mit einem Kandidaten, dessen Wirkmechanismus biologisch gut begründet ist und dessen klinische Daten bereits einen deutlichen Effekt zeigen.
Ein zweiter Kandidat mit großem Marktpotenzial
Divesiran ist allerdings nicht das einzige klinisch fortgeschrittene Programm. Silence entwickelt mit Zerlasiran, früher als SLN360 bezeichnet, einen siRNA-Wirkstoff gegen Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Er soll die Bildung dieses genetisch mitbestimmten kardiovaskulären Risikofaktors reduzieren. Erhöhte Lp(a)-Werte betreffen einen erheblichen Teil der Bevölkerung und sind mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden.
Zerlasiran hat klinische Studien der frühen und mittleren Entwicklungsphasen durchlaufen; das Unternehmen hatte die Vorbereitungen für eine Phase III-Studie abgeschlossen. Eine große kardiovaskuläre Endpunktstudie wollte Silence jedoch erst beginnen, wenn ein Partner gefunden ist. Das Programm ist damit ein möglicher zusätzlicher Werttreiber für Merck, aber nicht mit einem bereits laufenden Phase III-Programm gleichzusetzen.
Weitere Kandidaten befinden sich in früheren Entwicklungsstadien. Dazu zählen SLN548 gegen den Komplementfaktor CFB sowie SLN365 gegen GPR146, einen möglichen Ansatzpunkt für die Cholesterinsenkung, und SLN098 gegen INHBE, das mit Adipositas in Verbindung steht. Bei diesen Programmen ist der Abstand bis zu einem möglichen Produkt noch deutlich größer.
Auch die Entwicklungsgeschichte von SLN312 zeigt, dass eine überzeugende Plattform allein nicht automatisch zur klinischen Weiterentwicklung führt. AstraZeneca hatte den Kandidaten gegen ANGPTL3 in einer Phase I-Studie geprüft. Die Ergebnisse zeigten nach Unternehmensangaben dosisabhängige und anhaltende Veränderungen bei ANGPTL3 und verschiedenen Lipidwerten. AstraZeneca entschied 2026 dennoch, das Programm nach Phase I nicht weiterzuentwickeln. Silence soll die weltweiten Rechte zurückerhalten und prüft die nächsten Schritte. Die Zusammenarbeit mit AstraZeneca bei anderen Projekten bleibt davon unberührt.
Was in Berlin erforscht wird
Während der Konzernhauptsitz von Silence Therapeutics in London liegt, ist Berlin ein wichtiger Forschungsstandort. Die deutsche Tochtergesellschaft Silence Therapeutics GmbH sitzt in Berlin-Buch, an der Robert-Rössle-Straße. Dort arbeiten Wissenschaftler an der Entwicklung und Optimierung der siRNA-Moleküle, die später als Wirkstoffkandidaten in präklinische und klinische Programme eingehen können.
Die Arbeit umfasst unter anderem das Design der kurzen RNA-Sequenzen, ihre chemische Modifikation und Synthese sowie Tests, mit denen sich Aktivität und Funktion der Moleküle überprüfen lassen. Auch die Analyse ihrer Wirkung in biologischen Systemen gehört zu den Aufgaben. Historische Stellenausschreibungen beschreiben dafür interdisziplinäre Teams aus Drug Design, Molekulardesign, Chemie, Bioinformatik und Drug Delivery. Die Berliner Forschung ist damit unmittelbar mit der Entwicklung der proprietären mRNAi-GOLD-Plattform verbunden.
Diese Plattform soll siRNA-Moleküle so gestalten, dass sie eine bestimmte Boten-RNA erkennen und deren Abbau auslösen. Die Zelle stellt daraufhin weniger von dem Protein her, für das die Boten-RNA den Bauplan liefert. Anders als eine Genomeditierung verändert dieser Ansatz nicht dauerhaft die DNA. Die Wirkung ist vorübergehend, weshalb die Wirkstoffe in geeigneten Abständen erneut verabreicht werden müssen.
Silence nutzt für viele seiner Programme eine GalNAc-Technologie, mit der die siRNA gezielt in Leberzellen gelangt. Das ist pharmakologisch relevant: Die Leber ist für zahlreiche systemische Erkrankungen ein geeigneter Angriffspunkt, etwa wenn dort ein krankheitsrelevantes Protein produziert wird oder ein Stoffwechselprozess reguliert werden soll. Die Plattform wird zudem weiterentwickelt, um perspektivisch auch Zelltypen außerhalb der Leber erreichen zu können. Das ist eine wichtige technische Herausforderung für die gesamte siRNA-Branche.
Die Berliner Einheit geht auf die deutsche siRNA-Forschung zurück, die Silence 2005 mit der Übernahme des Unternehmens Atugen erschloss. Der Standort ist somit nicht erst nachträglich als deutsche Niederlassung hinzugekommen, sondern Teil der technologischen Entwicklungsgeschichte des Unternehmens. Nach verfügbaren Angaben beschäftigt Silence insgesamt rund 80 Menschen an Standorten in Großbritannien, den USA und Deutschland.
Rückenwind für siRNA, aber nicht für alle gleichermaßen
Der Merck-Deal ist auch ein Signal für die wachsende Bedeutung der RNA-Interferenz als Wirkstoffklasse. Um die Produktion bestimmter Proteine gezielt zu verringern, nutzen siRNA-Therapeutika einen natürlichen zellulären Mechanismus. Damit können sie auch Ziele adressieren, die sich mit klassischen niedermolekularen Wirkstoffen oder Antikörpern nur schwer beeinflussen lassen.
Die Technologie ist längst nicht mehr nur ein Forschungsversprechen. Mehrere siRNA-Arzneimittel sind zugelassen, etwa gegen bestimmte erbliche Stoffwechselerkrankungen, akute hepatische Porphyrie und erhöhte Cholesterinwerte. Mit Inclisiran ist zudem ein siRNA-Präparat gegen PCSK9 auf dem Markt, das die LDL-Cholesterinwerte senkt. Alnylam gehört zu den Pionieren der kommerziellen RNAi-Therapeutika; weitere Unternehmen wie Arrowhead und AstraZeneca treiben eigene oder gemeinsam entwickelte Programme voran.
Von der Übernahme könnten zunächst vor allem die Unternehmen profitieren, die bereits klinische Daten und eine belastbare Wirkstoffplattform vorweisen können. Der Deal bestätigt, dass große Pharmaunternehmen bereit sind, für siRNA-Technologie und klinisch fortgeschrittene Kandidaten erhebliche Summen zu zahlen. Das kann die Verhandlungsposition anderer RNAi-Entwickler bei Partnerschaften und Übernahmen stärken.
Für kleinere Entwickler könnte der Deal außerdem den Wert von Plattformtechnologien unterstreichen – vorausgesetzt, sie können zeigen, dass ihre Moleküle zuverlässig in die richtigen Zellen gelangen, dort wirken und sich sicher wiederholt verabreichen lassen. Denn genau darin liegt neben der Wahl des Zielgens eine der zentralen Herausforderungen von RNA-Therapeutika. Für die ebenfalls in Berlin-Buch angesiedelte Firma Pramomolecular mit einer siRNA-Technologie über die Leber hinaus kommt der neue Aufschwung jedoch zu spät, sie musste im Mai dieses Jahres Insolvenz anmelden.

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