Kynda Biotech GmbH

Novel-Food-Zulassung öffnet Markt für Pilzprotein

Pilze könnten in der europäischen Ernährung künftig eine deutlich größere Rolle spielen – allerdings nicht unbedingt als klassische Speisepilze. Die Europäische Kommission hat die aus Pilzmyzel gewonnene Zutat Fermotein des niederländischen Unternehmens The Protein Brewery als Novel Food zugelassen. Damit darf die aus dem Fadenpilz Rhizomucor pusillus gewonnene Biomasse künftig in der EU als Lebensmittelzutat eingesetzt werden. Ein Türöffner auch für andere Start-ups?

ANZEIGE

Die Europäische Kommission hat die aus Pilzmyzel gewonnene Zutat Fermotein des niederländischen Unternehmens The Protein Brewery als Novel Food zugelassen. Damit darf die aus dem Fadenpilz Rhizomucor pusillus gewonnene Biomasse künftig in der EU als Lebensmittelzutat eingesetzt werden.

Erste Zulassung im Novel-Food-Verfahren

Es ist nach Angaben des Unternehmens die erste Zulassung eines neuartigen Myzel-Inhaltsstoffs im Rahmen des europäischen Novel-Food-Verfahrens. Fermotein entsteht nicht durch den Anbau von Pilzen mit Fruchtkörpern, sondern durch Biomasse-Fermentation in geschlossenen Fermentern. Das Myzel wächst dabei auf einem Nährmedium und wird anschließend als Biomasse geerntet und verarbeitet. Die Zutat liefert nach Angaben von The Protein Brewery etwa 50% Protein und 30% Ballaststoffe und soll unter anderem in Proteinpulvern, Riegeln, Getränken sowie Fleisch- und Milchersatzprodukten eingesetzt werden.

Der regulatorische Durchbruch ist auch deshalb relevant, weil er zeigt, dass sich ein Teil der europäischen Proteinwende von klassischen pflanzlichen Rohstoffen hin zu biotechnologisch erzeugter Biomasse verschiebt. Bei der Biomasse-Fermentation werden Mikroorganismen gezielt kultiviert, um innerhalb relativ kurzer Zeit proteinreiche Zellmasse herzustellen. Das Verfahren benötigt keine Tierhaltung und kann – je nach Rohstoff und Prozess – landwirtschaftliche Nebenströme als Ausgangsmaterial nutzen.

Deutschland hat eine eigene Pilz-Biotech-Szene

Auch in Deutschland ist rund um diese Technologie inzwischen ein Ökosystem entstanden. Zu den bekanntesten Unternehmen zählt Infinite Roots (Hamburg), die seit Jahren Myzel als Grundlage für proteinreiche Lebensmittel entwickelt. Das Unternehmen war ursprünglich als Mushlabs gestartet und konnte 2024 in einer Series-B-Runde 58 Mio. US-Dollar einwerben. Im Mai 2026 übernahm Infinite Roots zudem das Berliner Myzel-Foodtech-Unternehmen Bosque Foods. Damit kommen Kompetenzen in der Flüssig- und Feststofffermentation sowie bei der Entwicklung von strukturierten „Whole-Cut“-Produkten unter einem Dach zusammen.

Auch Kynda aus Jelmstorf (Niedersachsen) setzt auf Biomasse-Fermentation von Pilzmyzel. Das Unternehmen entwickelt Mykoprotein aus landwirtschaftlichen Nebenströmen und arbeitet an Anwendungen für Lebensmittel und Tiernahrung. 2025 nahm Kynda dafür 3 Mio. Euro Seed-Kapital auf. Zudem war Kynda Partner im Projekt Basomeat, bei dem gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik ein Fleischersatz auf Basis von Pilzmyzel und Lebensmittel-Nebenströmen entwickelt wurde.

Eine weitere deutsche Adresse ist Nosh.bio aus Berlin, allerdings mit einem etwas anderen Ansatz: Aus nicht gentechnisch veränderten Pilzen soll ein funktionelles Protein für Fleisch-, Fisch- und Milchanaloga sowie weitere Lebensmittelanwendungen entstehen. Das Unternehmen positioniert sein sogenanntes Koji-Protein ausdrücklich als B2B-Zutat. Auch Formo hat ein Streichkäseprodukt auf Basis von Koji-Pilz bis in den Supermarkt gebracht.

Nicht alle Fermentationsunternehmen sind dabei auf Pilzmyzel spezialisiert. The Protein Distillery aus Esslingen (nun in Ostfildern/Stuttgart angesiedelt) etwa nutzt Bierhefe als Ausgangsstoff für Proteinprodukte. Das Unternehmen steht damit für eine breitere Entwicklung: Fermentation wird zunehmend als Produktionsplattform für neue Lebensmittelzutaten verstanden – von Pilzbiomasse über Hefen bis hin zu durch Präzisionsfermentation erzeugten Proteinen.

Strenggenommen muss man jeweils zwischen Pilzmyzel, Hefe-Biomasse und Präzisionsfermentation unterscheiden. Hinter dem Schlagwort „Fermentation“ stehen inzwischen sehr unterschiedliche technologische Ansätze und Geschäftsmodelle.

Zulassung bleibt der Flaschenhals, Skalierung die Herausforderung

Die Fermotein-Zulassung zeigt allerdings auch, wie lang der Weg vom Bioreaktor in den Supermarkt sein kann. The Protein Brewery hatte den Novel-Food-Antrag bereits im Mai 2020 eingereicht. Die EFSA bewertete die Zutat anschließend hinsichtlich ihrer Sicherheit; im Mai 2026 stimmten die EU-Mitgliedstaaten dem Zulassungsrechtsakt zu, bevor die Kommission ihn im Juni annahm.

Auch die Sicherheitsbewertung zeigt, worauf es bei solchen neuen Lebensmitteln ankommt. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung zu Fermotein fand bei Tests mit 106 Seren zwar in 16 Fällen eine geringe IgE-Bindung. Die weiterführenden Analysen deuteten jedoch darauf hin, dass die Reaktion überwiegend auf für die klinische Allergie relevanten Tests unbedenkliche Pilzkohlenhydrate zurückzuführen war; eine relevante Kreuzreaktivität mit den untersuchten Lebensmittelallergenen ließ sich nicht nachweisen.

Für die europäische Fermentationsbranche ist die Zulassung deshalb mehr als nur die Freigabe eines einzelnen Produkts. Sie schafft einen regulatorischen Präzedenzfall für eine Technologie, die bislang vor allem im Labor, in Pilotanlagen und in kleinen kommerziellen Anwendungen zu finden war.

Der nächste Schritt wird nun weniger die Frage sein, ob Pilzmyzel als Lebensmittelzutat zugelassen werden kann, sondern ob sich die Technologie wirtschaftlich skalieren lässt. Genau hier entscheidet sich, welche der zahlreichen europäischen Fermentations- und Myzel-Start-ups den Sprung vom Biotech-Versprechen zur industriellen Lebensmittelproduktion schaffen.

SIE MÖCHTEN KEINE INFORMATION VERPASSEN?

Abonnieren Sie hier unseren Newsletter