
Editorial Kalenderwoche 20
Das ging schnell von der großen Empörung einer einzelnen Person bis zum Aufschrei des Bürgermeisters von Tübingen und in den SPIEGEL zum Interview. Die drastischen Standortschließungen von BioNTech überall außerhalb von Mainz haben die Branche aufgeschreckt und manchen die Zurückhaltung aufgeben lassen. Warum Betriebswirtschaft für Biotech nicht gelten sollte, ist dabei nicht ganz verständlich, warum man mit persönlichen Anschuldigungen meint etwas für die Standorte retten zu können, bleibt zumindest fraglich.
Liebe |transkript-Leser,
Deutschland liebt Extreme: Helden oder Halunken, Heilige oder Sündenböcke. Eben noch wurden Ugur Sahin und Özlem Türeci als Retter in der Pandemie gefeiert, mit Preisen, Orden und Ehrendoktorwürden überhäuft – nun werden sie plötzlich als kalte Strategen dargestellt, die angeblich CureVac nur übernehmen wollten, um Patentstreitigkeiten loszuwerden und sich die mRNA-Herrschaft endgültig zu sichern, die sie nun in ihrem nächsten Unternehmen ganz für sich alleine versilbern werden.
Mit dieser Anklage schafft man es zumindest zu einem Spiegel-Interview. Weil die Schließungen in Marburg und Tübingen schmerzen, funktioniert die Methode zuverlässig: Stellenabbau, enttäuschte Hoffnungen, millionenschwere Förderungen, dazu die altbekannten Impfgegner, die ihre eigenen Narrative über „Impfschäden“, Flucht aus der Verantwortung und dunkle Machenschaften einflechten. Fertig ist die perfekte deutsche Empörungsdramaturgie.
Dabei lohnt manchmal ein kurzer Realitätscheck. Wer genau hat eigentlich den Nobelpreis für die Grundlagen der mRNA-Technologie bekommen? Das schmälert nicht die Verdienste von Ingmar Hoerr als CureVac-Gründer und Pionier, aber die derzeitige öffentliche Erzählung klingt stellenweise, als habe man den eigentlichen Erfinder verdrängt und nun auch noch enteignet. Bemerkenswert ist, wie überrascht manche Vertreter derselben Wirtschaft plötzlich darüber wirken, dass auch Biotech-Unternehmen betriebswirtschaftlich handeln. Überkapazitäten kosten Geld. Vorbereitung auf künftige Pandemien – dieses inzwischen inflationär gebrauchte „Preparedness“-Narrativ – bringt keinen dauerhaften Umsatz. Man kann schlecht eine neue Pandemie lostreten, nur damit Produktionsanlagen ausgelastet bleiben. Die Millionenzahlungen des Staates in die Vorhaltung von Kapazitäten sind nicht der Weisheit letzter Schluss, weil sie nur ein gewisses Haltbarkeitsdatum haben.
Vielleicht liegt genau darin das Problem: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft eine Lücke. Deutschland hätte gerne dauerhafte industrielle Sicherheit, wissenschaftliche Weltmarktführer, sichere Arbeitsplätze und gleichzeitig moralisch makellose Unternehmerfiguren. Die Wirklichkeit liefert jedoch Unternehmen, die im globalen Wettbewerb agieren, Kapazitäten anpassen und strategische Übernahmen oder Verkäufe prüfen – kurz: der ganz normale Kapitalismus. Mit immer neuen Verschwörungstheorien kommt man vielleicht zu kurzfristigen Schlagzeilen, doch damit verstärkt man nur das Stirnrunzeln über unsere Branche, die sich viel zu oft schon als heilige Schutzpatronin der Gutmenschen positioniert hat und damit regelmäßig Enttäuschung produziert. It´s a business, stupid. Die Milliarden in der Mainzer Goldgrube sind kein Volksvermögen, oder wir sind zurück in der DDR. In Tübingen und Marburg finden sich nun Platz und tolle Fachkräfte, damit sollte man etwas anfangen können, so wie in Freiburg, Köln und anderswo. Etwas weniger Schaum vor dem Mund und eine gute Woche wünscht
Ihr Georg Kääb

Stiftung Innovationsallianz Freiburg, Schönen
Meierhofer AG