
Höchstes Transaktionsvolumen in Healthcare im DACH-Raum
Der Mittelstand ist Deutschlands Rückgrat, gleichzeitig wird er auch immer mehr zum Ziel für Firmenübernahmen. Sei es aus Private Equity oder dem ehemaligen Konkurrenten, beides trägt indirekt oder direkter zur Konsolidierung bei. Und wie man es auch immer intepretieren mag, in den vergangenen Monaten haben die Transaktionen neue Höchststände erreicht. Das hat FTI Andersch gemeinsam mit der Universität Frankfurt/M. herausgefunden.
Die Unternehmensberatung FTI Andersch AG hat gemeinsam mit der Universität Frankfurt/M. die Unternehmensübernahmen im DACH-Raum untersucht und stellt fest, dass sich die Bereiche Healthcare- und Life-Sciences in der DACH-Region als „erstaunlich widerstandsfähig“ erweisen. Nach einem Einbruch im Jahr 2023 (86 Deals) habe das M&A-Volumen 2024 wieder deutlich angezogen und übertrifft mit 127 Transaktionen sogar das Niveau von 2022 (118 Deals). Insgesamt zählt der Zeitraum 2022–2024 ganze 331 Transaktionen. Besonders dynamisch zeigen sich die Segmente Medizintechnik, Pharma-nahe Dienstleistungen und Bereiche der Labordiagnostik.
Die Entwicklung sei durch drei übergeordnete Kräfte geprägt, so die Autoren:
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Konsolidierung und Plattformbildung, vor allem in fragmentierten Märkten wie MedTech und Diagnostik.
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Interoperabilität und Digitalisierung, angefeuert durch eRezept, elektronische Patientenakte (ePA) und EHDS.
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Steigende regulatorische Fixkosten, die Skaleneffekte und professionelle Plattformstrukturen belohnen.
Medizintechnik – Wachstumstreiber mit 93 Deals
Die MedTech-Branche ist mit 93 Deals im Analysezeitraum das zweitgrößte M&A-Segment (28%). Die Anbieterlandschaft bleibt dabei stark fragmentiert, was sich jedoch als eine ideale Ausgangslage für Buy-&-Build-Strategien herausstellt. Strategische Käufer wie auch Private Equity-Plattformen arbeiten gezielt an der Konsolidierung mehrerer Subcluster, etwa in den Themenfeldern Chirurgische & therapeutische Geräte, Diagnostik- und Monitoring-Systeme, Endoskopie & Visualisierung, Verbrauchsmaterialien und Einmalprodukte sowie Service- & IT-Dienstleistungen im MedTech-Umfeld
Private Equity hält nun bereits 40–51% Marktanteil im mittelständisch geprägten Sektor, wobei die Aktivität je nach Jahr schwankt. Ein klarer Trend zeigt sich in der Verzahnung von Hardware, Software und Services – ein Modell, das planbarere Cashflows und zusätzliche Möglichkeiten zur Umsatzgenerierung (Consumables, Serviceverträge, Digitalmodule) biete.
Die Werttreiber im MedTech-Segment seien laut FTI Andersch die regulatorische Reife in Bezug auf Umsetzung von MDR/IVDR, die zum zentralen Deal-Kriterium und zu einem echten Wettbewerbsvorteil wird, wenn richtig implementiert. Zudem rückten Daten- und Softwarefähigkeit (z. B. Telemetrie, Predictive Maintenance) immer stärker in den Vordergrund. Auch die resiliente Lieferketten mit Dual Sourcing und Redesign kritischer Komponenten verbessern die Wettbewerbsfähigkeit in der Nachfragelandschaft.
Healthcare/Medizinische Versorgung – stabile M&A-Aktivität mit 66 Deals
Der Bereich Versorgung/Pflege generiert 66 Deals – etwa 20% aller Transaktionen. Das Bild ist jedoch gespalten. Die Ambulante Versorgung (MVZ, Outpatient-Zentren) bleibt im Fokus als skalierbares Private Equity-Kernfeld, und profitiere dabei je nach Ausprägung von regionalen Clusterstrategien, Shared Services und Digitalisierung bei überschaubarem Transfervolumen. Die Stationäre Versorgung hingegen ist noch mit sich selbst beschäftigt und geprägt von Restrukturierung, politischem Reformdruck und Investitionsstau. Hier blieben spezialisierte Häuser oder Nischenanbieter mit stabilen Erlösmodellen „investierbar“, wie es die Autoren ausdrücken.
Labordiagnostik – kleines, aber hochreguliertes Zukunftsfeld mit 13 Deals
Die Labordiagnostik trägt nur 13 Deals zum Gesamtmarkt bei (4 %), vielleicht, weil es eines der am stärksten regulierten Segmente ist. Positiv kann man das jedoch auch als eine Basis ansehen, von der aus klare Bewertungsunterschiede einzelner Übernahmeobjekte aufscheinen. Die Marktstruktur böte bereits ein gemischtes Bild aus paneuropäischen Plattformen, regionalen Verbünden und spezialisierten Nischenlaboren. Deutschland wird als der wichtigste Markt eingeschätzt, gefolgt von Schweiz und Österreich.
Die drei Säulen der Labordiagnostik haben dabei unterschiedliche Charakteristika und Herausforderungen:
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Routine-Labormedizin (Hohe Volumina, Tarifdruck)
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Spezialdiagnostik (Molekulardiagnostik, Biomarker, digitale Pathologie – Höhere Margen)
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Pathologie/Histologie (Wachsende Digitalisierung, Automatisierung)
Wesentliche Werttreiber in diesem Segment seien die IVDR-Konformität als harte Voraussetzung und gleichzeitig als Preispremium-Treiber sowie die IT- & Datenqualität: leistungsfähige LIS/LIMS, FHIR-Interoperabilität, NIS2-Cybersicherheit. Auch die Skalierung von etablierten Spezialdiagnostik-Positionierungen insbesondere bei digitaler Pathologie und molekularen Verfahren sei ein Antrieb für eine Übernahmeüberlegung. Auf der negativen Seite gelten fehlende IVDR-Dokumentation, unklare Datenrechte, starke Payer-Abhängigkeiten und ein fragiles Probenlogistik-Setup als zentrale Deal-Bremsen.
Regionale Perspektive – Deutschland dominiert
Von den 331 Deals entfallen auf Deutschland 207 Deals (63 %), die Schweiz 107 Deals (32 %) und auf Österreich 17 Deals (5 %). Damit bleibt Deutschland mit seiner breiten Klinik- und Laborlandschaft der aktivste Markt. Die Schweiz bietet hochwertige, aber kleinere Strukturen und spezialisierte Targets. Österreich zeigt eine stärker fragmentierte, regional geprägte Landschaft
Laut den Studienautoren werden die nächsten Jahre durch Regulatorik, Digitalisierung und integrierte Plattformstrategien geprägt sein. Wer um Transfermarkt mitmischen will oder seine Nachfolgelösung in einem Verkauf sieht, muss nach FTI Andersch diese drei Punkte besonders beachten:
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Konsolidierung wird zur Pflicht
Fragmentierte Segmente wie MedTech oder Labordiagnostik werden weiter zusammenwachsen. -
Interoperabilität schafft neue Ökosysteme
EHDS, ePA und eRezept verbinden Labore, Versorgung, MedTech und Pharma. -
Regulatorische Fixkosten steigen weiter
Plattformen mit professionellen Reg-, Daten- und Compliance-Strukturen gewinnen.
In allen drei Segmenten – Healthcare, MedTech und Diagnostik – ginge es weniger um Volumen als um Qualität, Interoperabilität, Datenreife und regulatorische Robustheit. „Diese Trends sind keine Randnotiz, sondern die neue Normalität“, sagt Fabian Binöder, Autor und Managing Director und Leiter des Bereichs Healthcare & Life Sciences bei FTI-Andersch. „Wer sie ignoriert, verliert. Wer sie nutzt, prägt die Versorgung in Deutschland, Österreich und der Schweiz.“
Für den Healthcare & Life Sciences M&A Transactions Report 2025 wurden alle relevanten Transaktionen im Zeitraum 2022 bis 2024 in Deutschland, Österreich und der Schweiz erfasst.


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