
Gene editing für die Therapie: Millardendeal in Dresden
Die Dresdner Experten für die sequenzgenaue Reperatur von Genen, Seamless Therapeutics, starten mit der Pharmafirma Eli Lilly eine globale Forschungskooperation zur Nutzung der Technologieplattform spezifische Rekombinasen für die Entwicklung von Gentherapien gegen Hörverlust. Für Seamless kann bei günstigem Verlauf der Kooperation eine Gesamtfinanzierung von bis zu 1,1 Mrd. US-Dollar entstehen.
Das Dresdner Biotechnologieunternehmen Seamless Therapeutics GmbH (mit seiner US-Inc.-Tochter angesiedelt in der Region um Boston) hat eine weltweite strategische Forschungs- und Lizenzvereinbarung mit Eli Lilly and Company geschlossen. Ziel der Kooperation ist die Entwicklung und spätere Vermarktung programmierbarer, rekombinasebasierter Gentherapien zur Behandlung ausgewählter Formen von genetisch bedingtem Hörverlust.
Im Rahmen der Zusammenarbeit bringt Seamless seine proprietäre Rekombinase-Plattform ein, die präzise und großformatige DNA-Insertions- und -Modifikationen unabhängig von zellulären DNA-Reparaturmechanismen ermöglicht. Sie ist das Alleinstellungsmerkmal dieser von Prof. Dr. Frank Buchholz an der medizinischen Fakultät der Technischen Universität Dresden ersonnenen Editierungsmethode im Vergleich zur geläufigeren CRISPR/Cas-Technologie. Lilly steuert seine umfassende Entwicklungs- und klinische Expertise im Bereich genetischer Hörstörungen bei, Seamless muss sich nur um die passende Rekombinase für das gewünschte und anvisierte DNA-Stück kümmern.
Seamless wird im Projekt maßgeschneiderte, ortsspezifische Rekombinasen entwickeln, die gezielt krankheitsverursachende Mutationen in ausgewählten Zielgenen korrigieren sollen. Durch die vielfältigen Aktivitätszentren von Rekombinasen ist sowohl das Schneiden als auch die Insertion sehr langer DNA-Fragmente „nach Wunsch“ zielgenau möglich. Obwohl sich die Plattform noch im präklinischen frühen Stadium befindet, steigt Eli Lilly mit einem hohen Dealvolumen ein und erhält dafür eine exklusive Lizenz im Bereich Hörverlust, um Wirkstoffkandidaten in dieser Indikation präklinisch und klinisch weiterzuentwickeln sowie kommerziell zu verwerten.
Plattform im Schaufenster für weitere Partner
Der CEO von Seamless Therapeutics, Albert Seymour, betonte die strategische Bedeutung der Zusammenarbeit und die Validierung der firmeneigenen Technologieplattform. „Lilly engagiert sich für die Entwicklung neuartiger Behandlungsansätze für genetische Erkrankungen und teilt unsere Vision, genetische Arzneimittel zu den Patienten zu bringen, die derzeit nur begrenzte Therapieoptionen haben. Diese Zusammenarbeit ist eine Bestätigung unserer Geneditierungsplattform und ihres breiten krankheitsmodifizierenden Potentials.“
Finanziell umfasst die Vereinbarung eine garantierte Vorauszahlung sowie zugesicherte Forschungs- und Entwicklungsfinanzierungen. Insgesamt kann Seamless im Erfolgsfall Zahlungen von bis zu 1,1 Mrd. US-Dollar erhalten, einschließlich entwicklungs- und marktabhängiger Meilensteine. Umsatzabhängige, gestaffelte Lizenzgebühren sind darin nicht enthalten. Weitere Vertragsdetails wurden nicht veröffentlicht.
Gegenüber |transkript.de erläutert Seymour weiter: „Bei uns liegt die Aufgabe aus mehreren entwickelten Rekombinasen die bestmögliche für die weitere Entwicklung durch Lilly herauszufinden und zu nominieren. Die Expertise in Bezug auf die Genetik des Hörverlusts wird hierbei von Lilly eingebracht. Und in dieser Form kann man sich auch weitere Kooperationen vorstellen, die in unsere Unternehmensstrategie passen.“
Gerichtete Evolution liefert Werkzeuge der Wahl
Rekombinasen werden seit Jahrzehnten in der Grundlagenforschung eingesetzt. Seamless Therapeutics hat diese Enzymklasse jedoch technologisch weiterentwickelt und programmierbar gemacht, um hochpräzise genetische Veränderungen wie das Einfügen, Austauschen oder Entfernen von DNA-Sequenzen in definierten Genloci zu ermöglichen. „Für Lilly war überzeugend, dass wir Daten aus den Tierexperimenten vorlegen konnten“, kommentiert Seymour, „wir sind nun wirklich an dem Punkt, wo wir aus der technologischen Entwicklung der Plattform heraustreten und stramm in Richtung Klinik unterwegs sind.“
Seymour sitzt schwerpunktmäßig in einem Vorort von Boston und kennt die Szene an der US-Ostküste schon lange. Er sieht Seamless dort im Vergleich zu vielen anderen Unternehmen aus dem CRISPR-Feld oder allgemeinen Gentherapieansätzen eigenständig positioniert. „Mit unserer Fähigkeit, die Rekombinase auf bestimmte Sequenzen designen zu können, und den verschiedenen Möglichkeiten, die eine Rekombinase über das Schneiden hinaus bietet, haben wir ein ganz neues Feld eröffnet.“
Seamless will dabei nicht nur Dienstleister und Entwicklungspartner für die Pharmabranche sein und bleiben, obwohl das Interesse stark anwächst. Die Dresdner wollen auch in einer selbstgewählten Indikation mit einer eigenen Rekombinase möglichst weit kommen. Doch die Daten dazu und das genaue Ziel sollen erst im Laufe des Jahres präsentiert werden. Dresden hat sich mit der „Rekombinase nach Wunsch“ einen Platz im Scheinwerferlicht der Szene erobert.
Interesse am genetisch bedingten Hörverlust zeigt auch ein aktueller Deal von Sanofi mit der französischen Firma Sensorion (Marseille), die gleichzeitig eine Finanzierung über 60 Mio. Euro bekanntgaben, um eine weitere Gentherapie des Unternehmens in die Klinik zu bekommen (ein anderer Ansatz von Sensorion ist bereits in der klinischen Entwicklung).


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