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Neustart bei Molecular Health: Technologiekern bildet Start-up Lucera

Neustart aus dem Bestand: Aus Molecular Health wird Lucera. Nach Jahren wechselvoller Unternehmensgeschichte lebt ein wesentlicher Teil der Heidelberger Molecular Health in neuer Form weiter. Ein Investorenkonsortium hat das Pharma-Technologiegeschäft des Unternehmens übernommen und unter dem Namen Lucera GmbH neu aufgestellt. Chef bleibt Dr. Friedrich von Bohlen, auch der Kopf hinter der Datenmaschine Dataome, Dr. Stefan Brock, bleibt als CTO an Bord.

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Das Ziel des Neustarts in Heidelberg ist: Die über Jahre entwickelte Technologie zur datengetriebenen Entscheidungsunterstützung in der Arzneimittelentwicklung soll künftig fokussierter, schlanker und näher am Markt weiterentwickelt werden.

Für die deutsche Biotech-Szene ist die Transaktion zugleich ein Blick zurück und nach vorn. Molecular Health gehörte einst zu den frühen Hoffnungsträgern der Präzisionsmedizin. Das Unternehmen setzte bereits zu einer Zeit auf die Verknüpfung biomedizinischer Daten, als Begriffe wie Knowledge Graph oder Künstliche Intelligenz noch längst nicht zum Standardvokabular der Branche gehörten. Die kommerzielle Umsetzung erwies sich jedoch als anspruchsvoll. Wie viele Pioniere im Bereich datengetriebener Medizin musste das Unternehmen mehrfach seine Strategie an veränderte Marktbedingungen anpassen.

Datengetriebene Pharmaentscheidungen

Mit Lucera wird nun jener Unternehmensteil weitergeführt, der sich in den vergangenen Jahren als tragfähiges Geschäftsmodell etabliert hat. Nach Angaben des Unternehmens wurden bereits mehr als 20 Pharma-, Biotech- und Investmentkunden weltweit betreut. Zum Start wechseln rund 25 Mitarbeiter von Molecular Health zur neuen Gesellschaft.

An der Spitze stehen mit dem ehemaligen Molecular-Health-Gründer und langjährigen Brancheninvestor Friedrich von Bohlen als CEO sowie Stephan Brock als CTO zwei Manager, die seit Jahren mit der Technologie vertraut sind. Finanziert wird Lucera von einem Konsortium institutioneller und privater Investoren.

Im Mittelpunkt steht weiterhin die Wissensplattform Dataome®, deren Entwicklung nach Unternehmensangaben über mehr als 15 Jahre hinweg erfolgte. Die Datenbank integriert Informationen aus Hunderten öffentlicher und proprietärer Quellen und verknüpft diese über einen semantischen Wissensgraphen. Anders als viele generative KI-Systeme soll die Plattform nicht nur Vorhersagen liefern, sondern diese auch biologisch begründen und auf zugrunde liegende Evidenz zurückführen können.

Die kuratierten Daten sind der eigentliche Schatz

Der Ansatz adressiert ein Problem, das mit dem Aufstieg von KI in der Arzneimittelentwicklung eher größer als kleiner geworden ist: Während immer mehr Daten und Modelle verfügbar sind, bleibt die Frage, wie belastbar daraus abgeleitete Entscheidungen tatsächlich sind. Genau hier sieht Lucera seine Rolle. Das Unternehmen verspricht, biologische Zusammenhänge, klinische Evidenz und Entwicklungsrisiken so zusammenzuführen, dass sich Zielstrukturen, Biomarker, klinische Endpunkte oder potenzielle Nebenwirkungen früher und fundierter bewerten lassen.

Die Anwendungen reichen von der Target-Validierung (über eine Kooperation mit der italienischen präklinischen CRO Axxam hatte |transkript berichtet) über die Planung klinischer Studien bis hin zu Due-Diligence-Projekten für Investoren. Auch die Simulation von Studienverläufen und die Identifikation geeigneter Patientengruppen zählen zum Leistungsspektrum.

Die Gründung von Lucera markiert damit weniger den Start einer völlig neuen Technologie als vielmehr die Fortsetzung einer langjährigen Entwicklung unter neuen Rahmenbedingungen. Nach Jahren, in denen Molecular Health immer wieder nach dem passenden Geschäftsmodell suchte, soll nun der wirtschaftlich tragfähige Kern des Unternehmens eigenständig wachsen. Für die Investoren ist dies die Wette darauf, dass die eigentliche Substanz – Daten, Technologie und Expertise – wertvoller ist als die Unternehmenshülle, in der sie bislang untergebracht war.

Umgedrehter Gorbatschow

Historiker mögen kurz darüber hinweglesen, doch auf die Daten-Unternehmungen von Friedrich von Bohlen, die mit Lion Biosciences noch vor dem Milleniumswechsel ihren Anfang nahmen, passt wohl die Umkehrung des bekannten Gorbatschow-Zitates: „Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben.“ Weder Künstliche Intelligenz noch das zu Grunde liegende Machine Learning war schon so ausgeprägt in der Realität und in den Köpfen vorhanden, als dass die kühnen Ideen von von Bohlen auf die notwendige Resonanz gestoßen wären. Damit hat an vielen Wegmarken die größere finanzielle Injektion gefehlt, um selbst in diese Richtung energischer und großformatiger Beschleunigung aufnehmen zu können.

Alleine Dietmar Hopp war einer der maßgeblichen Investoren auf der Wegstrecke von Lion bis Molecular Health. Im neuen Unternehmen Lucera ist er nun nicht mehr dabei, die Verstrickungen der ehemaligen Investmentsgesellschaft dievini Holding waren noch vor dem plötzlichen Tod von Christof Hettich aufgelöst und Hettich und von Bohlen mit Curevac-Anteilen ausgelöst worden. In der Holding sind dem Vernehmen nach nun noch 6 Biotech-Aktivitäten enthalten, die Hopp-Söhne zeigen jedoch wohl an diesen riskaten Investitionsausflügen des Vaters kein gesteigertes Interesse. Heidelberg Pharma und andere warten jedoch durchaus auf etwas Bewegungsfreiheit an der Altinvestoren-Front, hier hat sich Molecular Health nun auf seine Weise gelöst.

Ob sich diese Rechnung auszahlt, wird sich in einem Markt zeigen müssen, in dem nahezu jedes KI-Unternehmen der Arzneimittelforschung inzwischen verspricht, Entwicklungszeiten zu verkürzen und Risiken früher zu erkennen. Lucera setzt dabei auf einen Unterschied, den das Management besonders betont: Nicht die Vorhersage allein soll im Mittelpunkt stehen, sondern deren biologische und medizinische Nachvollziehbarkeit.

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