
Oblenio Bio: Was eine US-chinesische Immuntherapie mit Deutschland zu tun hat
Wenn besonders innovative First-in-Human-Studien starten, fällt der erste Blick meist auf die USA, neuerdings verstärkt auch auf China. Diesmal ist es anders: Das US-amerikanische Biotech-Unternehmen Oblenio Bio (das mit einem chinesischen Partner kooperiert) hat die ersten Patienten seiner Phase Ia-Studie mit dem trispezifischen T-Zell-Engager LBL-051 nicht in Nordamerika, sondern in Deutschland behandelt. (Strenggenommen ist das keine "Zelltherapie", da keine Zelle von extern zugeführt wird, sondern der tri-spezifische Antikörper-Engager, der dann die Zellen im Körper zusammenführt und dort die Zellen zum Ziel nimmt)
Es ein bemerkenswertes Signal für den Forschungsstandort Deutschland: Das US-amerikanische Biotech-Unternehmen Oblenio Bio (Cambridge, Massachusetts) hat die ersten Patienten seiner Phase Ia-Studie mit dem trispezifischen T-Zell-Engager LBL-051 nicht in Nordamerika, sondern in Deutschland behandelt.
Die ersten Patienten erhielten die neuartige Therapie am Universitätsklinikum Minden (zugehörig zur Ruhruniversität Bochum). Leiter der Studie ist Prof. Dr. Ricardo Grieshaber-Bouyer von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Untersucht wird LBL-051 bei refraktären Autoimmunerkrankungen.
Wissenschaftler des chinesischen Unternehmens Leads Biolabs Co. Inc. aus Nanjing hatten den trispezifischen Antikörper entwickelt und 2024 an die US-amerikanische Oblenio Bio auslizenziert. Sie erhielt zusätzliches US-Geld, um die Entwicklung voranzutreiben. Dass gerade die FAU als Startpunkt der klinischen Untersuchung ausgewählt wurde, liegt sicherlich an den Forschungsarbeiten von unter anderem Fabian Müller, Andreas Wirsching, Andreas Mackensen und weiteren Wissenschaftlern rings um Grieshaber-Bouyer in Erlangen, die hohe Expertise bei der B-Zell-Depletion durch spezielle CAR-T-Therapeutika angesammelt haben und diese bereits selbst in einzelnen Fallstudien sehr erfolgreich bei Patienten von Autoimmunerkrankungen anwenden.
Dreifach-Attacke für Neustart des Immunsystems
Der Antikörper verfolgt einen ungewöhnlichen Ansatz: Er bindet gleichzeitig an die beiden Zielstrukturen CD19 und BCMA auf krankheitsrelevanten B-Zellen beziehungsweise Plasmazellen sowie an CD3 auf T-Zellen. Dadurch sollen T-Zellen gezielt sowohl autoreaktive B-Zellen als auch langlebige Plasmazellen eliminieren. Ziel ist ein möglichst vollständiger „Immune Reset“, der eine langfristige, medikamentenfreie Remission ermöglichen könnte.
Genau diese Kombination macht LBL-051 besonders. Während CAR-T-Zelltherapien sowie bispezifische Antikörper gegen CD19 oder BCMA bereits klinisch untersucht werden, gilt die Kombination aus BCMA, CD19 und CD3 als erster klinisch entwickelter trispezifischer T-Zell-Engager für Autoimmunerkrankungen. Der Ansatz soll ein breiteres Spektrum krankheitsverursachender Immunzellen erfassen als bisherige B-Zell-depletierende Therapien.
Die offene Phase 1a-Studie untersucht neben Sicherheit und Verträglichkeit auch das klinische Ansprechen, die Depletion von B- und Plasmazellen in Blut und Gewebe sowie verschiedene Biomarker. Das Studiendesign erlaubt die Untersuchung mehrerer Autoimmunerkrankungen innerhalb eines Protokolls. Verabreicht wird LBL-051 subkutan.
Sicherheit zuerst
Bei neuartigen Immun- und Zelltherapien, die das fein ausbalancierte Immunsystem ansteuern, hat Vorsicht die oberste Priorität. Unvergessen ist der dramatische und unerwartete Zytokinsturm in einer Phase I-Studie mit Freiwilligen der Würzburger Firma Tegenero. Der Antikörper gegen CD28 auf T-Zellen hatte überraschend auch die ruhenden T-Zellen aktiviert und eine massive Zytokinausschüttung ausgelöst, die in vorherigen Tierexperimenten wegen Unterschieden im Zielmolekül nicht gesehen worden waren. Dieser Zytokinsturm führte bei den sechs gesunden Probanden innerhalb von Minuten zu intensiven Körperreaktionen bis hin zu Organversagen. Erst auf der Intensivstation konnten die Studienteilnehmer stabilisiert werden. Sie überlebten, mussten dann aber mit gewaltigen Gesundheitseinschränkungen und Langzeitfolgen kämpfen.
Ein anderer Ansatz, ebenfalls aus Deutschland und mit der gleichzeitigen Zielrichtung auf mehrere Immunzellen besser vergleichbar mit Oblenio Bio, ist der (bispezifisch-)trifunktionale Antikörper Removab von Trion Pharma/Fresenius Biotech, der sowohl EpCAM auf Tumorzellen, CD3 auf T-Zellen sowie FcGamma-Rezeptoren auf akzessorischen Immunzellen adressiert. Er meisterte die klinische Entwicklung und erhielt schließlich eine Zulassung für die intraperitonealen Behandlung des malignen Aszites.
Finanzierung auch von Pfizer Ventures
Zurück zur dreifachen Attacke gegen B-Zellen und Plasmazellen durch das Heranführen von T-Zellen: Präklinische Daten von Oblenio, die auf dem EULAR-Kongress 2026 vorgestellt wurden, hatten bereits auf eine nahezu vollständige Depletion von B- und Plasmazellen bei gleichzeitig geringer Zytokinfreisetzung hingedeutet. Diese Ergebnisse lieferten die Grundlage für den nun gestarteten Übergang in die klinische Entwicklung.
Nach der möglichst restlosen Zerstörung der in einer Autoimmunreaktion auf Abwege geratenen B-Zellen durch die Zelltherapie erfolgt eine Wiederbesiedlung durch unreife B-Zellen ohne immunologisches Gedächtnis (non-memory B cells) im Zuge der Regeneration des Immunzell-Pools. In der Präklinik war extra nach Signalen für ein Zytokinfreisetzungssyndrom gesucht worden, wie es heute nach den Erfahrungen bei Tegenero zum Standard bei Immuntherapeutika gehört. Solche Signale konnten nach Unternehmensangaben auch bei hohen Titern der therapeutischen Zellen nicht entdeckt werden.
Ende Juni hatte die US-Firma den Abschluss einer überzeichneten Serie-B-Finanzierungsrunde in Höhe von 62 Mio. US-Dollar bekannt gegeben. Wie wurde von Pfizer Ventures angeführt, unter Beteiligung von Deep Track Capital, GV, und Oblenios Gründungsinvestor Aditum Bio. Dass ein US-amerikanisches Biotech-Unternehmen seine weltweit erste klinische Studie mit einer neuartigen Immuntherapie in Deutschland beginnt, unterstreicht zugleich die internationale Bedeutung deutscher Zentren für die frühe klinische Forschung und zeigt, dass deutsche Universitätskliniken insbesondere bei innovativen Immuntherapien weiterhin eine führende Rolle einnehmen können.

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Grafik: Fan Nan, KIT