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25 Jahre nach 9/11: Was der toxische Staub im Körper hinterlassen hat

Der Einsturz des World Trade Centers dauerte weniger als zwei Stunden. Die gesundheitlichen Folgen der Staub- und Schadstoffexposition sind dagegen bis heute nicht abschließend erfasst. Besonders gut belegt sind chronische Atemwegs- und Lungenerkrankungen. Bei Krebs und Sterblichkeit ist die Datenlage komplizierter. Nun erst öffnet die Stadt New York selbst die Archive über bisher zurückgehaltene Informationen und Analysen zu den Luftschadstoffen. Was man bisher sagen kann.

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Der Anlass für viel Berichterstattung ist das makabere Jubiläum von nun schon einem Vierteljahrhundert seit der Flugzeugattacke auf die Zwillingstürme in New York durch Terroristen der islamischen Al-Qaida-Bewegung. Eine aktuelle, eher nüchterne Bilanz liefert ein Beitrag von Chuck Dinerstein, Medizinischer Direktor des American Council on Science and Health (ACSH). Dinerstein, Arzt und MBA, fasst darin anlässlich des 25. Jahrestags wichtige Forschungsergebnisse zu den gesundheitlichen Folgen des 11. September zusammen. Sein Text ist allerdings kein systematischer wissenschaftlicher Review, sondern eine Einordnung vorhandener Studien. Für die folgende Darstellung wurden deshalb die von ihm herangezogenen Arbeiten und Daten mit Veröffentlichungen des US-amerikanischen World Trade Center Health Program und der CDC abgeglichen.

Der frühe Schaden war vor allem pulmonal

Der Staub von Ground Zero war keineswegs gewöhnlicher Haus- oder Baustellenstaub. Untersuchungen beschreiben eine hochalkalische Mischung aus zermahlenem Beton, Gips, Glas- und Mineralfasern sowie Metallen. Hinzu kamen Verbrennungsprodukte wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Dioxine und Furane. Die Zusammensetzung änderte sich zudem über die Zeit: Auf die gewaltige Staubwolke unmittelbar nach den Einstürzen folgten aufgewirbelte Ablagerungen und über Monate Schadstoffe aus den Schwelbränden im Trümmerberg.

Die CDC beschreibt die Exposition entsprechend als komplexes Gemisch aus Asbest, Siliziumverbindungen, Metallen, Beton und Glas sowie späteren Verbrennungsprodukten. Untersuchungen des WTC-Staubs kommen zu dem Ergebnis, dass etwa 80 bis 90% des abgelagerten Materials eine stark alkalische Mischung aus Beton, Gips und synthetischen Mineralfasern bildeten.

Besonders gut dokumentiert ist die Schädigung der Atemwege. Eine wichtige Datengrundlage sind die regelmäßigen Lungenfunktionstests der New Yorker Feuerwehr FDNY vor 2001. Sie lieferten etwas, das bei Umweltkatastrophen selten vorhanden ist: individuelle Messwerte vor der Exposition. Bei nie rauchenden FDNY-Beschäftigten sank das forcierte Einsekundenvolumen FEV1 im ersten Jahr nach den Anschlägen im Mittel um 439 ml bei Feuerwehrleuten und um 267 ml bei Rettungsdienstmitarbeitern. Damit wurden Verluste, die normalerweise über Jahre durch Alterung entstehen, innerhalb weniger Monate beobachtet.

Diese Befunde stammen aus der epidemiologischen Forschung der FDNY und CDC und sind einer der stärksten Hinweise darauf, dass die Exposition am World Trade Center unmittelbar und dauerhaft die Lungenfunktion beeinträchtigte.

Aus akutem Schaden wurde chronische Erkrankung

Bei einem Teil der Betroffenen blieb es nicht bei einer vorübergehenden Reizung. Dokumentiert sind anhaltender Husten, Atemnot, pfeifende Atmung, Asthma, chronische Entzündungen der kleinen Atemwege und eine dauerhafte Einschränkung der Lungenfunktion. Bei einem kleineren Teil wurde eine sogenannte konstriktive Bronchiolitis beschrieben, bei der Vernarbungen die kleinsten Atemwege verengen.

Auch die physikalischen Eigenschaften des Staubs spielen dabei eine Rolle. Grobe, faserhaltige Partikel konnten offenbar nur unvollständig von den Makrophagen der Lunge beseitigt werden. Eine mögliche Folge ist eine anhaltende Entzündungsreaktion durch „frustrierte Phagozytose“. Das ist ein plausibler biologischer Mechanismus, jedoch nicht gleichzusetzen mit einem individuellen Kausalitätsnachweis.

Die gesundheitlichen Folgen beschränkten sich zudem nicht auf die Lunge. Chronische Nasennebenhöhlenentzündungen, Reizungen des Rachens, Husten und gastroösophagealer Reflux (GERD) treten bei den Betroffenen häufig gemeinsam auf. Das macht die Zuordnung einzelner Symptome zu einem bestimmten Schadstoff zusätzlich schwierig.

Und der Krebs?

Deutlich schwieriger wird die Bilanz bei Krebserkrankungen. Hier ist zunächst zwischen Krebshäufigkeit, beobachteten Fällen und tatsächlich durch die WTC-Exposition verursachten Erkrankungen zu unterscheiden.

Eine große Analyse von Einsatzkräften ermittelte für alle Krebsarten zusammen einen standardisierten Inzidenzquotienten (SIR) von 0,96 gegenüber der Vergleichsbevölkerung. Das bedeutet zunächst: Es wurden insgesamt nicht mehr, sondern geringfügig weniger Krebsfälle beobachtet als erwartet.

Das Ergebnis ist allerdings nicht ohne Weiteres als Entwarnung zu interpretieren. Einsatzkräfte unterliegen dem sogenannten Healthy-Worker-Effekt: Feuerwehrleute und Polizisten werden bereits bei der Einstellung medizinisch und körperlich selektiert und sind deshalb häufig gesünder als die Allgemeinbevölkerung. Außerdem wurden WTC-Betroffene über Jahre besonders intensiv medizinisch überwacht. Das kann dazu führen, dass beispielsweise Schilddrüsen-, Prostata- oder Hauttumoren häufiger und früher entdeckt werden als in einer nicht entsprechend überwachten Bevölkerung.

Eine 2016 veröffentlichte Analyse von WTC-exponierten Feuerwehrleuten fand für alle Krebsarten zusammen ebenfalls keinen erhöhten relativen Anteil gegenüber nicht exponierten Feuerwehrleuten. Für Schilddrüsenkrebs und später auch Prostatakrebs wurden dagegen erhöhte Raten beobachtet; beim Schilddrüsenkrebs verringerte sich der Effekt allerdings, wenn eine mögliche Überwachungsverzerrung berücksichtigt wurde.

Das bedeutet nicht, dass Krebs durch die WTC-Exposition ausgeschlossen wäre. Neuere Arbeiten weisen vielmehr auf Zusammenhänge bei einzelnen Krebsarten hin. Eine 2025 veröffentlichte Kohortenstudie etwa fand eine höhere Lungenkrebsinzidenz bei Einsatzkräften mit stärkerer Exposition. Gleichzeitig bleibt es schwierig, bei einer alternden Population zwischen durch 9/11 verursachten Erkrankungen und der normalen Zunahme von Krebs im höheren Lebensalter zu unterscheiden.

Hinzu kommt die lange Latenz bestimmter Erkrankungen. Asbestbedingte Erkrankungen wie Mesotheliom können sich erst nach mehreren Jahrzehnten manifestieren. 25 Jahre nach 9/11 ist die onkologische Statistik deshalb noch keine endgültige Bilanz.

Molekulare Spuren im Blut

Interessant sind daher Untersuchungen, die nicht nur Erkrankungen zählen, sondern nach biologischen Spuren der Exposition suchen. Eine 2022 in Nature Medicine veröffentlichte Studie untersuchte die sogenannte klonale Hämatopoese beziehungsweise CHIP – genetische Veränderungen blutbildender Stammzellen, die mit einem erhöhten Risiko für bestimmte Blutkrebserkrankungen verbunden sein können.

CHIP wurde bei 10% von 481 WTC-exponierten Einsatzkräften gefunden, gegenüber 6,7% von 255 nicht exponierten Feuerwehrleuten. Das ist kein Beweis dafür, dass der WTC-Staub Krebs verursacht hat. Es liefert aber einen objektiven Hinweis darauf, dass die massive Exposition langfristige molekulare Veränderungen hinterlassen kann.

Gerade solche Befunde sind für die weitere Forschung interessant: Sie könnten helfen, biologische Folgen der Exposition zu erkennen, bevor daraus eine manifeste Erkrankung entsteht. Ob und bei wem solche Veränderungen tatsächlich zu Krebs führen, ist damit jedoch nicht beantwortet.

Was bedeutet die Zahl von 9.000 oder 9.700 Toten?

In der öffentlichen Diskussion findet sich inzwischen häufig die Aussage, nach 9/11 seien mehr als 9.000 Menschen an den Folgen der toxischen Exposition gestorben – also mehr als dreimal so viele wie die 2.977 Menschen, die bei den Anschlägen (auch über New York hinaus) selbst starben.

Die Zahl ist nicht frei erfunden, sie muss aber richtig interpretiert werden. Das World Trade Center Health Program, ein staatlich finanziertes medizinisches Überwachungs- und Behandlungsprogramm für Einsatzkräfte und Betroffene, betreut inzwischen mehr als 145.000 Menschen. Von den dort erfassten Teilnehmern sind inzwischen mehr als 9.000 gestorben.

Daraus folgt jedoch nicht, dass alle diese Todesfälle durch den WTC-Staub verursacht wurden. Das Programm erfasst die Todesfälle seiner Teilnehmer, führt aber keine vollständige Todesursachenstatistik, aus der sich eine Zahl von 9.000 oder 9.700 kausal durch die Exposition verursachten Todesfällen ableiten ließe. Genau diese Unterscheidung ist in der aktuellen Berichterstattung teilweise verloren gegangen.

Die Zahl ist daher besser als Größenordnung der langfristig betroffenen Population zu verstehen, nicht als epidemiologisch ermittelte Zahl der „Staubtoten“.

Das erklärt auch, warum die Angaben schwanken. Je nach Quelle werden unterschiedliche Stichtage, Personengruppen und Definitionen verwendet. Hinzu kommen Todesfälle unter Einsatzkräften, Bewohnern, Beschäftigten und anderen Überlebenden, die nicht alle auf dieselbe Weise in die Langzeitstudien gelangt sind.

Wie unabhängig ist der ACSH-Bericht?

Der American Council on Science and Health ist eine 1978 gegründete US-amerikanische Non-Profit-Organisation, die sich selbst als wissenschafts- und evidenzbasierte Forschungs- und Bildungsorganisation versteht. Sie ist steuerlich als 501(c)(3)-Organisation anerkannt und veröffentlicht vor allem wissenschaftspolitische und gesundheitliche Analysen.

Bei der Einordnung der Quelle ist allerdings etwas Distanz angebracht. Der ACSH finanziert sich nach eigenen Angaben aus Spenden von Privatpersonen, Stiftungen und Unternehmen und hat ausdrücklich eine pro-Wissenschaft-, pro-Technologie- und pro-Markt-Orientierung. Das macht die von Dinerstein zusammengetragenen Studien nicht ungültig. Es bedeutet aber, dass der ACSH-Beitrag nicht wie eine unabhängige staatliche Gesundheitsbilanz oder ein peer-reviewter systematischer Review behandelt werden sollte. Für die entscheidenden Aussagen – etwa zur Lungenfunktion, Krebsinzidenz und Mortalität – sind deshalb die zugrunde liegenden CDC-, FDNY- und wissenschaftlichen Kohortenstudien die stärkere Quelle.

Die Bilanz nach 25 Jahren

Was sich heute mit vergleichsweise hoher Sicherheit sagen lässt, ist vor allem dies: Die Exposition am World Trade Center hat bei vielen Menschen dauerhafte Schäden der Atemwege und Lunge hinterlassen. Die frühen Veränderungen der Lungenfunktion, die chronischen Atemwegserkrankungen und die anhaltenden Beschwerden sind gut dokumentiert.

Weniger eindeutig ist die Frage, wie viele Krebserkrankungen und Todesfälle tatsächlich durch die WTC-Exposition verursacht wurden. Hier überlagern sich lange Latenzzeiten, Alterung, unterschiedliche Expositionsintensitäten, Auswahl- und Überwachungseffekte sowie die Frage, wer überhaupt in die jeweiligen Kohorten gelangte.

25 Jahre nach 9/11 ist deshalb eine Aussage wissenschaftlich belastbarer als die pauschale Zahl der „Staubtoten“: Die gesundheitliche Langzeitwirkung der Katastrophe ist real und erheblich – ihr endgültiger menschlicher Tribut lässt sich aber noch nicht seriös beziffern.

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