Lead Discovery Center GmbH

Das Lead Discovery Center – erfolgreich unter dem Radar

Das einst von der Max-Planck-Innovation gegründete Lead Discovery Center (LDC) agiert als Wirkstoffzentrum wie ein wichtiger Brückenbauer zwischen Akademie und Industrie. |transkript sprach mit Langzeit-CEO Dr. Bert Klebl über die Wirkstoffforschung in Zeiten von Künstlicher Intelligenz und wenig Geld.

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transkript. Herr Klebl, das LDC gibt es schon lange und doch hört man nur ab und zu etwas von den Projekten. Im April 2024 meldeten Sie beispielsweise, ein Start-up rings um einen Wirkstoff marinen Ursprungs im Bereich der Myeloischen Leukämie gegründet zu haben, in Norwegen. Warum genau dort?

Dr. Bert Klebl. Das liegt schon stark an uns selbst, dass wir nicht so sehr die Öffentlichkeit suchen, vielleicht auch, weil wiruns lieber mit den Wissenschaftlern und ihren Projekten beschäftigen. Der Gründung in Norwegen ging eine besondere Konstellation voraus. Das Projekt kam von der Universität Tromsø zum LDC, wir haben es fit für die Gründung gemacht und konnten diese passenderweise auch im Ursprungsland realisieren.

transkript. Seit der LDC-Gründung 2008 wird sich einiges geändert haben. Wie steht Ihr Inkubator aktuell da?

Klebl. Wir haben jetzt rund 120 Leute am LDC, Experten von Small molecules über Antikörper zu Spezialformen wie Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC), sind also stark gewachsen in den vergangenen Jahren. Unsere Forscher decken alles ab, was man im Wirkstoffbereich abdecken sollte. Insofern sehen wir das LDC auch als einen Wirkstoff-Inkubator, mit einem klaren Technologietransfermandat, das uns die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) mit auf den Weg gegeben hat.

transkript. Seit der Gründungphase ist also viel passiert, auch in der Verbindung mit der MPG?

Klebl. Ja. Den Anfang nahm unser Wirkstoffzentrum eng angebunden an die Max-Planck-Gesellschaft und ihre Institute mit einer Vollfinanzierung durch die Gesellschaft für ausgewählte Projekte. Damit hatten wir ein niedriges Millionenbudget für die Validierungsphase akademischer Ideen. 2018 hat sich das geändert und die MPG hat sich nun auf einen 50%-Anteil zurückgenommen, auch, weil wir die Finanzierung anderweitig darstellen konnten.

transkript. Wie ist Ihnen der Schritt zur größeren Eigenständigkeit gelungen?

Klebl. Wir prüfen sehr, sehr frühe Projekte. Und wir nehmen bei diesen ein großes Stück Risiko heraus, in dem wir einige wichtige Experimente noch anschließen oder die Datenpakete im relevanten Tiermodell ergänzen. Das hat die Pharmaindustrie bald verstanden und honoriert. Damit haben wir erfolgreiche Lizenzvereinbarungen abschließen können mit einigen großen Pharmafirmen und einen finanziellen Mittelzufluss generiert, der uns unabhängiger von der Unterstützung der MPG gemacht hat. Zudem haben wir die Projektfinanzierung auf ein breiteres Fundament gestellt.

transkript. Aber woher kam dafür das weitere Geld?

Klebl. Der europäische Investitionsfonds EIF hat unser Modell als sehr sinnvoll angesehen und angeregt, ein unabhängiges Finanzierungsinstrument an die Seite zu stellen, um die Projektförderung selbst stemmen zu können. Wir konnten den Austria Wirtschaftsservice (aws) und auch die von der MPG unabhängige Max-Planck-Förderstiftung überzeugen, gemeinsam den damals ersten KHAN-Fonds aufzulegen. Damit waren wir über die MPG hinaus – aber weiterhin in Verbindung mit dieser – nun auch mit der Szene in Österreich verbunden.

transkript. Ist diese enge und eine von einzelnen Forschungsgemeinschaften unabhängige Verbindung der wichtige Kern der erfolgreichen Arbeit im LDC?

Klebl. Absolut. Wir sitzen an einem riesigen Fluss von interessanten Wirkstoffkandidaten oder Targets oder auch Technologieplattformen, der uns ständig an die Kapazitätsgrenzen treibt, die ausgewählten Projekte auch sinnvoll betreuen zu können. Das ist in gewisser Weise unser Luxusproblem.

transkript. Wie würden Sie den Erfolg des LDC in Zahlen umschreiben, als die Zahl der Projekte, die Finanzierung, der Fortschritt der Kandidaten …?

Klebl. Eine wichtige Zahl für uns ist die geringe Ausfallrate. Während in der Industrie eine Zahl von 70% Ausfall in der Präklinik als normal angesehen wird, haben wir maximal 25% Ausfälle zu verzeichnen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass wir indikationsagnostisch agieren können, uns keine Strategie vorschreibt, ob wir ein Asset fallen lassen, weil es nicht (mehr) in die Unternehmensstrategie passt. Wenn sich das Molekül unerwartet in eine andere Richtung entwickelt, aber dort gute Daten liefert, haben wir kein Problem, den Ansatz dann eben in einer neuen Richtung voranzubringen.

transkript. Aber ganz unabhängig vom Markt werden auch Sie nicht agieren können?

Klebl. Nicht ganz unabhängig, das stimmt, aber mit einem langen Atem. Wenn heute die Mode ist, eine bestimmte Indikation links liegen zu lassen, können wir trotzdem geeignete Kandidaten in Position bringen, weil wir wissen, die Moden ändern sich. Und irgendwann kommt irgendwoher eine Pharmafirma und findet das Thema wieder spannend. Wir patentieren daher auch nicht sofort alles, weil die Patentanmeldung ja alle Beobachter aufweckt. Lieber nutzen wir die Zeit im Stealth-Modus noch ein bisschen, um weitere Experimente zu machen.

transkript. Aber Sie müssen irgendwann zeigen, was es da beim LDC zu finden gibt. Ist die Lizenzierung in Richtung Pharma weiterhin das Hauptgeschäftsmodell bei Ihnen?

Klebl. Wie Sie am eingangs erwähnten Beispiel der norwegischen Firma gesehen haben, schieben wir auch Gründungen an. Nicht nur in Deutschland, auch in der Schweiz, in europäischen Ländern und auch einmal in Norwegen. Es geht dabei immer darum, dass der Wirkstoff unsere Inkubation durchlaufen und damit eine höhere Validierungsstufe erreicht hat. Wenn wir dann ein geeignetes Team für die nächsten Schritte finden und einige Partner zusammen mit KHAN für eine Finanzierung, die auch die nächsten Schritte absichert, dann kann das auch ein Spin-out werden. Aber man muss ja auch klar sehen, dass das ganze Drumherum um ein Start-up die Projektentwicklung um einiges teurer macht.

transkript. Nun sagten Sie, dass das LDC gut ausgelastet ist. Warum wachsen Sie nicht noch kräftiger?

Klebl. Nur, weil wir Personal von vielleicht 120 Leuten in Dortmund und im LDC Biologics in München haben, sollte man nicht übersehen, dass wir über unsere Wissenschaftler-Netzwerke ein Vielfaches an Spitzenkompetenz, technischem Equipment und Know-how in den besten Forschungsstätten Europas dazuschalten können, wenn wir es brauchen. Fehlt uns absolut eine Ressource, können wir dies auch über eine externe CRO einkaufen. Also die Kapazitätsgrenze ist nicht beim Personal, sondern eher bei der Finanzierung zu sehen. Und dort akquirieren wir gerade neues Geld für den KHAN-II-
Fonds, der uns neue Flexibilität für die Zukunft geben soll.

transkript. Wie gut gelingt diese Geldakquise in Zeiten wie diesen?

Klebl. Wir sind weit fortgeschritten mit einem ersten Closing für KHAN-II, im dritten Quartal bei um die 50 Mio. Euro. [mittlerweile ist dieses First Closing bei 51 Mio. Euro im Februar 2025 erfolgt] Unser Modell ist überzeugend, die Ankerinvestoren sind hilfreich und eine gute Referenz. Der erste Fonds hatte eine längere Laufzeit von 15+5 Jahren, jetzt wollen wir mit unserer guten Erfahrung eine kürzere Laufzeit auflegen und das ganze sportlicher angehen.

transkript. Wo positionieren sich KHAN-I und -II im Vergleich zu anderen Investoren und VC-Fonds? Gibt es da nicht großen Wettbewerb?

Klebl. Wir sind so früh unterwegs wie sonst eigentlich niemand. Wir sind daher kein Wettbewerb zu den üblichen VC-Fonds, sondern eine Ergänzung, eine Vorstufe. Aber genauso gerne treiben wir die Projekte selbst mit unseren Mitteln so weit, dass ein früher oder später Exit in Richtung Pharma gelingen kann.

transkript. Nun ist viel Steuergeld in der Forschungsförderung der biomedizinischen Institute und ihrer Forschungsarbeiten unterwegs. Als Steuerzahler kann man sich auch fragen, warum nicht mehr Geld auch in die Translation investiert wird, also in Modelle wie das LDC?

Klebl. Gute Frage. Nach unserer Erfahrung muss man hier etwas differenzieren. Es gibt hin und wieder Ansätze an einzelnen Forschungsstätten, die Wirkstoffforschung größer zu machen oder erstmalig
zu etablieren, einzelne Forschungsgemeinschaften möchten das gerne zentraler haben. Wir halten es für wichtig, dass man die kritische Masse an Projekten erreicht und eine nachhaltige Finanzierung
darstellen kann, alle anderen Versuche sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. In Deutschland muss man das LDC auch nicht kopieren, es gibt uns ja schon. Wenn man ein weiteres LDC aufziehen
möchte, dann muss die nachhaltige, unabhängige Finanzierung stehen, eine Ausweitung unserer Infrastruktur und unseres Modells wäre da der einfachere Lösungsansatz.

transkript. Es gibt auch einzelne Firmen, die die frühe Wirkstoffentwicklung als ihr Geschäftsmodell betreiben. Wie positionieren Sie sich dazu?

Klebl. Es macht einen großen Unterschied, wie man als Entwicklungspartner mit dem Wissenschaftler einer Einrichtung spricht. Auch das LDC ist eine Firma, die am Ende profitabel sein muss, da wir keine Investoren haben. Unsere Leistung kann es nicht umsonst geben. Wir rechnen es unserem kooperativen Ansatz zu, dass uns die Wissenschaftler auf Augenhöhe anerkennen. Im Gegenzug sind sie an zukünftigen Erlösen beteiligt.

transkript. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus den Vorschlägen aus?

Klebl. Die Idee muss First-in-class sein und uns machbar erscheinen. Das „machbar“ testen wir dann aber auch mit unserer ganzen Erfahrung aus.

transkript. Das macht noch nicht die Künstliche Intelligenz alles ganz alleine?

Klebl. Schön wäre es. Aber da sind wir noch nicht. Es fängt schon mit dem First-in-class an, was auch eine noch so gute Idee nicht auf ewig bleiben wird. Wir müssen also auch den Wettbewerb ansehen und uns überlegen, ob andere vielleicht einfach schneller sind und wir unser Ziel deswegen nicht erreichen können oder die Strategie anpassen müssen. KI ist gerade in aller Munde und wird für alles angepriesen, ich möchte da doch den Realitätscheck noch abwarten.

transkript. Ist KI vielleicht nur eine Welle, die auch vorüberziehen könnte?

Klebl. Machine Learning ist für die Chemie-Informatik sowie bei Big Data in der Biologie/Genomik wirklich nichts Neues. Natürlich geht es da jetzt rasant voran. Aber wir sind in die Entwicklung eingebunden und sehen auch die Herausforderungen, die es trotz der Reklamesprüche noch gibt. Es geht immer noch um die Datenqualität, die Zugänge zu guten Daten. Viele laufen da mit sehr optimistischen Vorhersagen herum. Das virtuelle Screening, Alphafold, das sind große Fortschritte. Mit solchen Simulierungen kann man sehr viele Schritte schneller gehen. Aber der Computer macht noch kein Medikament.

transkript. Es gibt andere Trends, das Wissen als solches ändert sich gefühlt ständig, wie kann man in diesem Treibsand der Unwägbarkeiten valide Richtungsentscheidungen treffen?

Klebl. Neue Wellen kommen, die Wissenschaft bewegt sich ständig fort. Aber sie liefert auch oft eigene Testmodelle und Analyseverfahren mit der Forschungsidee. Hier können wir mit unserer wissenschaftlichen Fundierung im Netzwerk gut mithalten. Bei Zell- und Gentherapie müssen wir uns noch etwas verstärken, das sind dann Anpassungen, die auch ein LDC vornehmen muss.

transkript. Trotz KI, bleibt das Labor das Nadelöhr, durch das der Wirkstoffkandidat gehen muss?

Klebl. Für eine ganze Weile schon noch. An einer Stelle muss man ja testen, ob all die schöne Theorie und Vorhersage, die Simulation und Modellierung in der Realität auch einen Effekt hat. Also der
berühmte „Hit“, den möchte man identifizieren, aber irgendein Testansatz muss einem auch die Analyse dieses Hits in naturnaher Umgebung erlauben – ob das im Tier oder im Organoid oder anderen
Testsystemen ist. Wenn es da nicht selbst für uns auch noch Überraschungen gäbe, hätten wir ja 0% Ausfallrate. Und spätestens wegen der Sicherheitsaspekte ist das Tiermodell auch bei Pharma immer noch ein notwendiges Übel, um das man derzeit noch nicht herumkommt.

transkript. Das LDC hat bisher elf Start-ups geformt, 30 Projekte auslizenziert oder verpartnert und pflegt ein aktives Portfolio von 50 Projekten. Ist die Firmengründung für Sie die Krönung eines Weges oder sind Sie da unbefangen?

Klebl. Es gibt viele Gründe, die für und einige Gründe, die gegen eine Gründung sprechen. Man sollte sich das nicht zur alleinigen Strategie auf die Fahne schreiben. Manche Erfinder drücken auch ganz
stark in Richtung Gründung, gehen aber nicht selbst ins Risiko. Da bin ich ehrlich gesagt mit den Jahren etwas abgebrüht und schaue auf die jeweilige Konstellation. Wenn Team und Idee zusammenpassen, kann die Gründung dem Projekt den nötigen Extraschwung geben. Und dann müssen für die Gründung auch die lokalen Rahmenbedingungen passen wie das im Fall unseres norwegischen Beispiels zusammengetroffen ist. Aber unser Hauptanliegen ist es, die wissenschaftlichen Projekte überhaupt zu dem Punkt zu bringen, wo man über eine Gründung ernsthaft nachdenken kann, weil die folgenden Schritte bis zum IND-Antrag finanziell und zeitlich abschätzbar sind. Wer gründet, um dann viele Jahre bis zur Klinik zu brauchen, verbrennt nur viel Geld.

Das Interview führte |transkript-Redakteur Dr. Georg Kääb für die Magazinausgabe 3/24

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