
Boehringer holt sich einen KI-Wissenschaftler ins Forschungsteam
Der französisch-amerikanische KI-Spezialist Owkin lizenziert seinen „AI Scientist“ K Pro samt multimodaler Patientendaten an Boehringer Ingelheim. Die Vereinbarung zeigt, wie Pharmaunternehmen agentenbasierte KI zunehmend direkt in ihre Forschungsprozesse integrieren.
Boehringer Ingelheim setzt bei der Suche nach neuen Wirkstoffansätzen auf einen ungewöhnlichen Forschungspartner: den KI-Wissenschaftler K Pro des französisch-amerikanischen Unternehmens Owkin. Eine neue Lizenzvereinbarung umfasst neben der KI-Plattform auch multimodale Patientendaten aus den Bereichen Onkologie und Immunologie. Ziel ist es, die Entdeckung und Priorisierung neuer Ansätze zu beschleunigen. Vorausgegangen war bereits ein Pilotprojekt zwischen beiden Unternehmen im Jahr 2025.
KI als Forscher
Für Boehringer geht es damit um mehr als einen weiteren KI-Assistenten. K Pro soll Daten aus unterschiedlichen Quellen in einer Umgebung zusammenführen, analysieren und daraus reproduzierbare Hypothesen ableiten. Die Software kann dabei sowohl von Forschern gesteuerte Analysen unterstützen als auch automatisierte Kampagnen zur Hypothesenbildung, -prüfung und -priorisierung durchführen. Owkin bezeichnet das System deshalb nicht mehr lediglich als Copilot, sondern als „AI Scientist“.
Das Konzept steht für einen bemerkenswerten Wandel in der Pharma-KI. Klassische KI-Anwendungen unterstützen einzelne Aufgaben – etwa bei der Bildanalyse, der Identifizierung von Biomarkern oder der Auswertung klinischer Daten. Agentenbasierte Systeme sollen dagegen mehrere Arbeitsschritte miteinander verknüpfen: Daten durchsuchen, biologische Zusammenhänge herstellen, Hypothesen formulieren, diese überprüfen und die Ergebnisse für die nächste Forschungsentscheidung aufbereiten.
Vom Datennetzwerk zum KI-Wissenschaftler
Owkin bringt dafür eine ungewöhnliche Kombination mit. Das Unternehmen wurde 2016 von dem Arzt und Wissenschaftler Thomas Clozel und dem KI-Forscher Gilles Wainrib gegründet und hat sich zunächst vor allem mit KI für Präzisionsmedizin und sogenanntem Federated Learning einen Namen gemacht. Dabei werden Daten aus Krankenhäusern und Forschungseinrichtungen miteinander nutzbar gemacht, ohne dass die zugrunde liegenden Patientendaten zentral zusammengeführt werden müssen.
Aus diesem Ansatz ist inzwischen ein breites multimodales Patientendatennetzwerk entstanden. Es verbindet unter anderem klinische Informationen, Bilddaten, Genomik und weitere biologische Informationen. Für die Pharmaforschung ist gerade diese Kombination entscheidend: Die interessante Information über eine Erkrankung liegt häufig nicht in einem einzelnen Datensatz, sondern in der Verbindung verschiedener Datenebenen.
K Pro bildet darauf die KI-Schicht. Die Plattform wurde im Oktober 2025 offiziell vorgestellt und soll Forschern und Führungskräften ermöglichen, komplexe biologische Fragen in natürlicher Sprache zu stellen und daraus datenbasierte Analysen abzuleiten. Owkin zufolge konnte K Pro bei internen Anwendungen beispielsweise die Zeit für die Identifizierung von Wirkstoffzielen von mehr als zwölf Monaten auf rund drei Monate verkürzen.
Im Fall von Boehringer soll K Pro nun konkret mit multimodalen Daten aus Onkologie und Immunologie arbeiten. Owkin lizenziert dafür bestehende Onkologiedaten und will zusätzliche multimodale Immunologiedaten generieren. Die Daten stammen aus dem globalen Patientendatennetzwerk des Unternehmens.
Boehringer ist nicht der erste Pharmakonzern
Der Deal mit Boehringer kommt dabei zu einem Zeitpunkt, an dem Owkin sein Geschäftsmodell mit großen Pharmapartnern deutlich ausweitet. Im Mai vereinbarte das Unternehmen mit AstraZeneca eine dreijährige Lizenzierung von K Pro. Owkin soll dabei speziell entwickelte KI-Agenten entwickeln, die in die IT-Infrastruktur und Entscheidungsprozesse des britisch-schwedischen Konzerns integriert werden. Unter anderem geht es um Competitive Intelligence – also darum, komplexe Informationen über Wettbewerber und wissenschaftliche Entwicklungen schneller auszuwerten.
Auch die Zusammenarbeit mit Sanofi ist inzwischen deutlich über ein klassisches KI-Projekt hinausgewachsen. Im Juni 2026 vereinbarten beide Unternehmen eine fünfjährige K-Pro-Lizenz sowie eine mehrjährige Kooperation zur Entwicklung maßgeschneiderter KI-Agenten für Sanofi. Die Partnerschaft baut auf einer bereits seit 2021 bestehenden Zusammenarbeit auf, die zunächst auf die Identifizierung von Targets in der Onkologie und die Einteilung von Patienten in Subgruppen zielte und später auf die Positionierung von Wirkstoffkandidaten in der Immunologie ausgeweitet wurde.
Nächster Schritt für Owkin
Sanofi war schon beim früheren Owkin-Geschäft ein wichtiger strategischer Partner: 2021 investierte der französische Pharmakonzern 180 Mio. US-Dollar in Owkin und vereinbarte zusätzlich eine strategische Kooperation über 90 Mio. US-Dollar für drei Jahre plus erfolgsabhängige Zahlungen. Damals lag der Schwerpunkt auf KI-gestützter Onkologieforschung und der Analyse großer, dezentraler Patientendatensätze.
Mit AstraZeneca, Sanofi und nun Boehringer zeigt sich damit ein Muster: Owkin verkauft nicht einfach eine Softwarelizenz, sondern versucht, K Pro als digitale Forschungsschicht direkt in die bestehenden Pharmaorganisationen einzubauen.
Das Unternehmen des Sohns der in der Schweiz sehr bekannten Firmengründerfamilie Clozel (Actelion, Idorsia) bringt seine Datenbasis, seine biologische KI und die Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen zusammen. Mit Boehringer kommt nun ein weiterer großer europäischer Pharmakonzern hinzu. Für Owkin könnte der Deal damit ein weiterer Schritt sein, K Pro von einem vielversprechenden KI-Produkt zu einer Art digitaler Forschungsinfrastruktur der Pharmaindustrie zu machen.

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