
GSK will Impfstoffwerk in Dresden schließen, 650 Areitsplätze fallen weg
Nach mehr als 100 Jahren steht die Impfstoffproduktion in Dresden vor dem Aus. GSK will die Herstellung von Grippeimpfstoffen am sächsischen Standort beenden und im kanadischen Ste-Foy konzentrieren. Man wolle sich auf mRNA-Impfstoffe konzentrieren, heißt es. Rund 650 Beschäftigte sind betroffen. Die Ankündigung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Europa seine pharmazeutische Produktion eigentlich stärken will.
Am 10. September informierte GSK die Beschäftigten des Dresdner Impfstoffwerks über die geplante Schließung. Nach Unternehmensangaben ist die Entscheidung Ergebnis einer strategischen Prüfung der beiden GSK-Standorte Dresden und Ste-Foy, an denen Grippeimpfstoffe produziert werden. Weltweit sinke die Nachfrage nach klassischen, ei-basierten Grippeimpfstoffen, gleichzeitig bestünden Überkapazitäten. Die Konsequenz: Die Produktion soll in Kanada gebündelt und Dresden schrittweise aufgegeben werden.
Produktion endet 2027, Standort schließt 2028
Das Werk sperrt nicht sofort zu. GSK spricht von einem strukturierten Ausstieg aus der Dresdner Produktion, dessen Umsetzung bis Ende September 2027 geplant ist. Die vollständige Schließung des Standorts soll dagegen erst bis Sommer 2028 erfolgen. Rund 650 Beschäftigte sind von dem Vorhaben betroffen.
Für die Mitarbeiter will GSK gemeinsam mit dem Betriebsrat einen Ausstiegsplan entwickeln und Unterstützungsmaßnahmen anbieten. Dazu gehört nach Unternehmensangaben auch ein unabhängiges Mitarbeiterunterstützungsprogramm. Der Konzern betont zugleich, Deutschland bleibe ein wichtiger Markt.
In Dresden werden neben saisonalen und pandemischen Grippeimpfstoffen auch Hepatitis-Impfstoffe formuliert und abgefüllt. Nach früheren Unternehmensangaben liegt die Produktionskapazität bei rund zwei Millionen Impfdosen pro Woche. GSK beschreibt den Standort selbst als Teil seiner globalen Impfstoffproduktion; der saisonale Grippeimpfstoff aus Dresden wird in rund 70 Ländern vertrieben.
Politik überrascht
Der Wirtschaftsminister des Freistaates Sachsen, Dirk Panter, und die gesamte Landesregierung wurden von der Ankündigung überrascht, die zu allererst gegenüber der Belegschaft vor Ort verlautete. „Die Ankündigung des Unternehmens kommt für uns überraschend. Sachsen hat sich seit dem Start der Biotechnologie-Offensive im Jahr 2000 zu einer der dynamischsten Biotechnologie-Regionen Deutschlands entwickelt“, sagte Panter. „GlaxoSmithKline Biologicals Dresden ist ein Standort mit langer Tradition, ein wichtiger Akteur der Life-Sciences-Branche und hat wesentlich zu ihrer positiven Entwicklung im Freistaat beigetragen.“
Die Staatsregierung werde nun das Gespräch mit der Unternehmensleitung und den Arbeitnehmervertretern suchen, um die Gründe für die Entscheidung und mögliche Handlungsspielräume zu klären.
Gewerkschaft fordert Alternativen
Betriebsrat und IGBCE wollen die Entscheidung nicht hinnehmen. Die Gewerkschaft fordert GSK auf, die Schließungspläne auszusetzen, die Entscheidungsgrundlagen offenzulegen und mit Arbeitnehmervertretungen über Alternativen zu verhandeln. Zudem verlangt sie einen Standortgipfel von Bund und Freistaat. Nach IGBCE-Angaben sind in Sachsen inzwischen rund 4.250 Arbeitsplätze in der Pharmabranche weggefallen.
„Diese Nachricht trifft uns bis ins Mark“, sagte Peter Mißbach, Betriebsratsvorsitzender am Dresdner Standort. Die Beschäftigten hätten in den vergangenen Jahren bereits Einschnitte akzeptiert, um auf Umsatzrückgänge zu reagieren. Die SPD-Landtagsabgeordnete Sophie Koch verwies darauf, dass unter anderem eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich vereinbart worden sei, um den Standort zu sichern.
Strategische Kehrseite
Die Dresdner Entscheidung steht damit in einem größeren Spannungsfeld. GSK investiert zugleich in neue Impfstofftechnologien: Erst Anfang September kündigte der Konzern nach positiven Phase II-Daten den Start einer Phase III-Studie für einen mRNA-Grippeimpfstoff an. Die Studie soll noch im September beginnen.
Für den Standort Dresden bedeutet die strategische Neuausrichtung dennoch einen Einschnitt: Das Know-how für die Herstellung klassischer Grippeimpfstoffe soll künftig in Kanada gebündelt werden. Genau das stößt vor dem Hintergrund der europäischen Diskussion über Versorgungssicherheit und pharmazeutische Souveränität auf Kritik. CDU-Europapolitiker Oliver Schenk verwies auf den geplanten Critical Medicines Act der EU und die Bemühungen, Arzneimittel- und Impfstoffproduktion in Europa zu stärken.
Das Dresdner Werk geht auf das 1911 von Karl August Lingner gegründete Sächsische Serumwerk zurück. Nach der Wiedervereinigung übernahm 1992 SmithKline Beecham die Produktion; daraus entstand der heutige GSK-Standort.

Thomas Lohnes / Sanofi
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