
Deal mit Sironax: Novartis baut Arsenal für die Blut-Hirn-Schranke aus
125 Mio. US-Dollar zahlt Novartis für die Brain-Delivery-Plattform von Sironax. Nach einem Deal mit SciNeuro und dem Zugang zu weiteren Shuttle-Technologien entsteht beim Schweizer Pharmakonzern ein breites Instrumentarium, um Wirkstoffe ins Gehirn zu bringen.
Novartis baut seine technologische Basis für die Wirkstoffzufuhr ins Gehirn weiter aus. Der Schweizer Pharmakonzern übernimmt für 125 Mio. US-Dollar die Brain Delivery Module (BDM)-Plattform des US-chinesischen Biotechunternehmens Sironax, das auch einen Standort in der Nachbarschaft von Novartis in Basel unterhält. Die Transaktion folgt auf eine im Juli 2025 vereinbarte exklusive Kaufoption, die Novartis nun ausgeübt hat. Sironax behält zugleich Rechte, die Technologie für ausgewählte eigene Wirkstoffe einzusetzen.
Die Plattform soll die Blut-Hirn-Schranke überwinden und damit größere Wirkstoffmoleküle ins zentrale Nervensystem transportieren. Nach Angaben von Sironax sind dafür sogenannte Brain Delivery Modules entwickelt worden, die unter anderem Antikörper, Peptide, Proteine, Gentherapien und andere Biologika ins Gehirn bringen könnten. Zielgebiete sind unter anderem neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, Huntington und ALS.
Nicht der eine, sondern mehrere Wege
Der aktuelle Deal ist einer von mehreren ähnlich gelagerten Vereinbarungen, die das Schweizer Unternehmen in den vergangenen Wochen und Monaten abgeschlossen hat. Novartis baut sich offenbar bewusst mehrere technologische Wege durch die Blut-Hirn-Schranke auf. Bereits Anfang 2026 hatte der Konzern von SciNeuro Zugang zu einem Alzheimer-Antikörper erhalten, der über den Transferrin-Rezeptor (TfR) ins Gehirn transportiert werden soll. Der Deal umfasst bis zu rund 1,7 Mrd. US-Dollar. Novartis bezeichnete TfR dabei als einen der derzeit am weitesten entwickelten Ansätze für den Transport von Medikamenten über die Blut-Hirn-Schranke.
Auch BioArctic gehört zu den Partnern von Novartis im Bereich Brain-Shuttle-Technologien. In seiner Präsentation zur Avidity-Übernahme führte der Konzern Sironax und BioArctic ausdrücklich als Beispiele für seine jüngsten Neuroscience-Transaktionen mit Brain-Shuttle-Technologien auf. Die Avidity-Übernahme selbst brachte Novartis wiederum eine Technologie zur gezielten RNA-Zufuhr in Muskelgewebe und mehrere klinische Programme.
Damit zeichnet sich ein Muster ab: Novartis versucht nicht, die Blut-Hirn-Schranke mit einer einzigen Technologie zu lösen. Vielmehr entsteht ein Werkzeugkasten für unterschiedliche Wirkstoffklassen und Zielstrukturen.
Das ist relevant, weil die Blut-Hirn-Schranke eine der wesentlichen Hürden der Neurologie bleibt. Viele große Moleküle erreichen das Gehirn nur in unzureichender Konzentration. Das betrifft insbesondere Antikörper und andere Biologika, aber auch Nukleinsäure-basierte Wirkstoffe. Eine Technologie, die deren Transport verbessert, könnte deshalb nicht nur ein einzelnes Medikament optimieren, sondern die Zahl der Wirkstoffe erweitern, die überhaupt für neurologische Erkrankungen infrage kommen.
Delivery wird zum strategischen Asset
Das Thema ist inzwischen ein eigenes Wettbewerbsfeld der Pharmaindustrie. Roche arbeitet ebenso an TfR-basierten Brain-Shuttles, GSK hat sich über ABL Bio Zugang zu einem entsprechenden Ansatz für siRNA und Antisense-Wirkstoffe gesichert. Auch Eli Lilly, Biogen und andere Pharmakonzerne verfolgen unterschiedliche Transporttechnologien.
Der Hintergrund ist auch wirtschaftlich relevant: Je besser ein Wirkstoff sein Zielgewebe erreicht, desto eher lassen sich Wirkstoffe nutzen, die aufgrund ihrer Größe oder Eigenschaften bislang an der Blut-Hirn-Schranke scheitern. Für die Pharmaindustrie wird Drug Delivery damit von einer eher technischen Entwicklungsfrage zu einem strategischen Asset. Auch viele rückschläge insbesondere im Feld Alzheimer werden nicht unbedingt mit dem Versagen des Wirkstoffes in Verbindung gebracht, sondern eher damit, dass sein Konzentration am Wirkort zu gering gewesen sein könnte.
Für Novartis kommt hinzu, dass der Konzern seine Neurologie-Pipeline in den vergangenen Jahren gezielt ausgebaut hat. Die aktuelle Sironax-Transaktion verschafft ihm dabei nicht einfach einen weiteren Medikamentenkandidaten, sondern eine Technologie, die sich potenziell auf zahlreiche Programme und Modalitäten anwenden lässt. Sironax selbst verfügt neben der BDM-Plattform über drei klinische Programme, darunter den SARM1-Inhibitor SIR2501, den NAMPT-Aktivator SIR4156 und den RIPK1-Inhibitor SIR9900.
Die 125 Mio. US-Dollar sind damit vor allem eine Investition in die Möglichkeit, künftig mehrere Wirkstoffe über unterschiedliche Wege ins Gehirn zu bringen. Ob daraus tatsächlich therapeutisch relevante Vorteile entstehen, muss allerdings erst für die jeweiligen Wirkstoffe und Zielstrukturen klinisch gezeigt werden.

Sandoz
Novartis
Illustration YUMAB GmbH