Basel Area Business & Innovation; Jean Jaques Schaffner

Novartis setzt auf mRNA aus China für den Immun-Reset

Novartis erwirbt von dem chinesischen Biotechunternehmen Abogen Biosciences die weltweiten Rechte an dem experimentellen mRNA-Wirkstoff ABO2203. Der Schweizer Pharmakonzern zahlt dafür 575 Mio. US-Dollar upfront. Einschließlich Entwicklungs-, Zulassungs- und kommerzieller Meilensteine sowie weiterer Programme aus Abogens RNA-Plattform kann das Abkommen einen Wert von bis zu 7,8 Mrd. US-Dollar erreichen. Hinzu kommen mögliche Lizenzgebühren. Novartis ist im laufenden Jahr wieder verstärkt auf Einkaufstour, verschiebt die Deals aber mehr in Richtung Plattformtechnologien – das gilt auch für die aktuelle Abogen-Vereinbarung, die mehr als nur ein Asset beinhaltet.

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ABO2203 verfolgt einen Ansatz, der B-Zellen gezielt und tiefgreifend eliminieren soll, ohne dafür wie bei CAR-T-Therapien Immunzellen des Patienten entnehmen und außerhalb des Körpers genetisch verändern zu müssen. Der Wirkstoff besteht aus mRNA, die in Lipidnanopartikeln verpackt wird. Nach der Verabreichung produzieren Körperzellen daraus vorübergehend einen sogenannten T-cell engager. Dieser verbindet CD3 auf T-Zellen mit CD19 auf B-Zellen und lenkt die T-Zellen so gegen die B-Zellen.

Immer neue In-vivo-Ansätze

Das Prinzip des T-cell engagers ist aus der Onkologie bekannt. Novartis setzt nun auf die mRNA-Technologie, um die Bauanleitung für den Engager direkt im Körper bereitzustellen. Damit könnte sich die Herstellung und Verabreichung gegenüber zellbasierten Immuntherapien deutlich vereinfachen. Auch bei den Zelltherapien selbst stehen derzeit die neueren Ansätze mit In-vivo-CAR-T sehr stark im öffentlichen und Investoren-Interesse.

Für Aufmerksamkeit auf Abogen sorgten erste klinische Daten aus einer im Fachjournal Cell veröffentlichten Studie. Bei drei Patienten mit therapieresistenter sekundärer Immunthrombozytopenie führte ABO2203 zu einer raschen B-Zell-Depletion im Blut und einer anhaltenden Reduktion im Knochenmark. Parallel verbesserten sich die Thrombozytenwerte und die Krankheitsaktivität blieb über sechs Monate reduziert. Die berichteten Nebenwirkungen waren Grad 1 oder 2; ein Cytokine Release Syndrome wurde nicht beobachtet.

Die Daten sind allerdings noch sehr früh und stammen lediglich von drei Patienten. Ob sich die beobachteten Effekte auf größere Patientengruppen und andere Autoimmunerkrankungen übertragen lassen und wie dauerhaft die B-Zell-Depletion ist, muss sich erst in den laufenden klinischen Studien zeigen.

Lass den Körper selbst zur Fabrik werden

Interessant ist der Ansatz auch vor dem Hintergrund von Novartis‘ jüngsten Erfahrungen mit CAR-T in Autoimmunerkrankungen. Der Konzern hatte im September nach drei Todesfällen die entsprechenden Studien mit Rapcabtagene Autoleucel vorerst gestoppt. ABO2203 eröffnet nun einen anderen Weg zum angestrebten „Reset“ des Immunsystems. Ob die mRNA-basierte Methode tatsächlich ein günstigeres Sicherheitsprofil besitzt, lässt sich aus den bisherigen Daten jedoch nicht ableiten.

ABO2203 wird derzeit in Phase-I-Studien bei Autoimmunerkrankungen und B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphomen untersucht. Als möglicher Vorteil gilt die vergleichsweise einfache Anwendung: Abogen zufolge könnte der Wirkstoff subkutan und ambulant verabreicht werden, ohne vorherige Lymphodepletion oder eine spezielle Vorbehandlung. Auch das muss in größeren Studien noch bestätigt werden.

Neben ABO2203 erhält Novartis exklusive Optionen auf weitere Programme der RNA-Plattform von Abogen. Der Deal ist damit nicht nur eine Wette auf einen einzelnen mRNA-Kandidaten, sondern zugleich auf die Möglichkeit, die Technologie für weitere immunologische und onkologische Anwendungen zu nutzen.

Ein tieferer Blick auf Novartis: der CEO im Shoppingstress

Vas Narasimhan klingt noch immer allen Novartis-Beobachtern in den Ohren mit seiner wiederholten Aussage seit mehreren Monaten, dass sich Novartis mit kleineren Milliardendeals verstärken wolle und nur ausnahmsweise auch einmal tiefer in die Tasche greifen werde.

Gleich zu Beginn des Jahres 2025 schlug er dann bei Avidity mit einem solchen tiefen Griff in die Portokasse und 12 Mrd. Dollar für die Komplettübernahme zu, was das Bild 2025 ganz klar dominierte. Mit den öffentlich bezifferten größeren Deals erreichte der Schweizer Konzern insgesamt ein Ausgabevolumen von rund 33,2 Mrd. Dollar, mehr als ein Drittel davon landete bei Avidity. Beim Geld, das am Anfang tatsächlich zugesagt also als Upfront genannt wurde, sind es grob 15,7 Mrd. Dollar.

Im laufenden Jahr 2026 haben sich beständig neue Schlagzeilen von Kauf- oder Kooperationsdeals von Novartis in die Schlagzeilen der Biotech- und Pharmabranche geschlichen. Und wenn man für 2026 schon zusammenzählt, dann hat Novartis bis Anfang Oktober bereits rund 22 Mrd. Dollar an öffentlich beziffertem maximalem Dealvolumen zusammengebracht – und das ohne einen einzelnen teuren 12-Mrd.-Dollar-Kauf wie 2025. Der Abogen-Deal allein bringt 7,8 Mrd. Dollar in die Statistik, davon aber nur 575 Mio. Dollar upfront.

Noch interessanter wird es, wenn man Avidity herausrechnet:

  • 2025 ohne Avidity: ca. 21,2 Mrd. USD
  • 2026 bis 5. Oktober: ca. 22,0 Mrd. USD + nicht bezifferte Meilensteine einzelner Partnerschaften

Damit hat Novartis bereits vor dem vierten Quartal 2026 ungefähr das gesamte 2025er Dealvolumen ohne Avidity erreicht beziehungsweise schon überschritten.

Novartis: 2025 vs. 2026

2025 – die großen Deals

Deal Upfront weitere mögliche Zahlungen max. Dealvolumen
Avidity Biosciences – Übernahme 12,0 Mrd. $ – 12,0 Mrd. US$
Argo Biopharma – mehrere siRNA-Assets 160 Mio. $ bis 5,2 Mrd. $ 5,36 Mrd. US$
Monte Rosa – Immunologie/Degrader 120 Mio. $ bis ca. 5,58 Mrd. $ inkl. Optionen 5,7 Mrd. US$
Anthos Therapeutics – Abelacimab 925 Mio. $ bis 2,15 Mrd. $ 3,075 Mrd. US$
Arrowhead – ARO-SNCA/RNAi 200 Mio. $ bis 2,0 Mrd. $ 2,2 Mrd. US$
Regulus Therapeutics – Farabursen 800 Mio. $ 900 Mio. $ 1,7 Mrd. US$
Matchpoint Therapeutics – Covalent inhibitors bis 60 Mio. $ inkl. Forschung bis ca. 940 Mio. $ bis 1,0 Mrd. US$
Tourmaline Bio – Pacibekitug 1,4 Mrd. $ – 1,4 Mrd. US$
BioArctic – BrainTransporter 30 Mio. $ bis 772 Mio. $ bis 802 Mio. US$

2026 – bis 5. Oktober

Und hier wird es besonders interessant, weil Novartis seine Dealmaschine noch breiter aufgestellt hat:

Deal Upfront weitere mögliche Zahlungen max. Dealvolumen
Pikavation/Synnovation – PI3Kalpha 2,0 Mrd. $ 1,0 Mrd. $ 3,0 Mrd. US$
Excellergy – Anti-IgE nicht aufgeschlüsselt Bestandteil des Gesamtpakets bis 2,0 Mrd. US$
Unnatural Products – Makrozyklische Peptide bis 100 Mio. $ bis 1,7 Mrd. $ bis 1,8 Mrd. US$
Antares Therapeutics – „undruggable“ Oncology 105 Mio. $ bis 1,8 Mrd. $ ca. 1,9 Mrd. US$
SciNeuro – BBB-Shuttle/Alzheimer 165 Mio. $ bis 1,5 Mrd. $ bis 1,7 Mrd. US$
Myricx Bio – ADC-Payload 1,1 Mrd. $ 400 Mio. $ 1,5 Mrd. US$
Orionis – Molecular Glues 40 Mio. $ bis 1,4 Mrd. $ bis 1,44 Mrd. US$
BoomRay – Radioligand nicht offengelegt Bestandteil bis 900 Mio. US$
Abogen – mRNA/T-cell engager 575 Mio. $ bis 7,2 Mrd. $ bis 7,775 Mrd. US$
Zonsen PepLib – RLT 50 Mio. $ nicht offengelegt nicht bezifferbar

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