Swiss Biotech Association

Schweizer Biotech-Report sieht große Stabilität

Während für die Medienvertreter der Swiss Biotech Day (4./5. Mai in Basel) traditionell mit der Berichterstattung der Swiss Biotech Association und der Wirtschaftsprüfer von EY über die Zahlenreihen des vergangenen Jahres beginnt, wird das Zahlenwerk den Konferenzbesuchern erst am zweiten Veranstaltungstag vorgestellt. Damit finden viele Gespräche auf der mit rekordverdächtigen 3.500 Teilnehmern gut gefüllten Konferenz am ersten Tag noch ohne faktische Unterfütterung statt und zeigen daher auch zum Teil ein divergierendes Bild. Denn der Branchenverband präsentiert rundherum Zufriedenheit und stabile Verhältnisse im Lande der Eidgenossen, während bei manchem Plausch an den Ausstellungsständen von Unsicherheit und schwierigen Zeiten gesprochen wird.

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Folgt man den Zahlenreihen des EY-Reports für die Schweiz, leuchten eher die grünen Lämpchen als rote Warnsignale. Die Schweizer Biotech-Industrie hat 2025 ihre Wachstumsdynamik fortgesetzt und sogar neue Bestmarken erreicht. Wie aus dem Anfang Mai auf dem Swiss Biotech Day in Basel vorgestellten Branchenbericht hervorgeht, stieg der Gesamtumsatz der als Biotech gezählten Unternehmen (zu denen in diesem Falle ausdrücklich beispielsweise Roche und Novartis nicht gehören) auf 7,5 Mrd. Franken nach 7,2 Mrd. im Vorjahr. Treiber war eine wachsende Zahl marktreifer Produkte sowie die anhaltend hohe Nachfrage nach spezialisierten CDMO-Dienstleistungen.

Finanzierung funktioniert auch in schwierigen Zeiten

Auch auf der Finanzierungsseite zeigte sich ein stabiles Bild: Die Kapitalzuflüsse legten leicht um 2,1 Prozent auf 2,6 Mrd. Franken zu. Auffällig ist dabei die Verschiebung hin zu privat finanzierten Unternehmen. Diese sammelten mit 1,15 Mrd. Franken so viel Kapital ein wie noch nie – ein Plus von 38%! Ihr Anteil am gesamten Finanzierungsvolumen stieg damit auf 45%. Zu den größten Runden zählten Windward Bio mit 186 Mio. Franken und GlycoEra mit 104 Mio. Franken.

In diese Aufstellung passt aus Schweizer Sicht wunderbar, dass die Basler Firma Windward Bio verkündete neuerlich einen dreistelligen Millionenbetrag eingeworben zu haben, nämlich 165 Mio. US-Dollar, die zu der Serie A von 200 Mio. US-Dollar vor nur 12 Monaten hinzukommen. Hier machen es Wirkstoffe aus China möglich, dass ein Schweizer Unternehmen mit diesem vielen Geld ausgestattet wird. Manche sprechen schon von einem neuen Biotech-Modell, vielleicht hängt aber auch sehr viel an den hier handelnden Personen aus dem Basler Ökosystem.

Im börsennotierten Segment blieb das Umfeld dagegen anspruchsvoll. Dennoch gelang BioVersys Anfang 2025 der größte europäische Börsengang des Jahres – und der einzige in der Schweiz. Parallel gewinnen Partnerschaften und Lizenzdeals weiter an Bedeutung als Finanzierungsquelle, sagte Frederik Schmachtenberg von EY.

Marktverschiebungen

Leicht rückläufig war die Zahl der Produktzulassungen in den USA, Europa und der Schweiz, während andere Märkte wie China und Kanada zulegten. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung sanken moderat auf 2,5 Mrd. Franken, blieben damit aber auf hohem Niveau. Gleichzeitig erreichte die Beschäftigung mit mehr als 21.000 Vollzeitstellen einen neuen Höchststand. Auch hier bietet sich ein Vergleich mit dem Branchenprimus Roche an: dieser weist nur für die Schweiz rund 18.000 Beschäftigte aus.

Vielleicht ist es ein Zeichen für das Zusammenrücken der Platzhirsche (etwa Roche oder Novartis) mit dem vom Branchenverband vorrangig abgebildeten und bedienten Innovationsökosystem, dass die CEOs dieser Unternehmen sich nun auch gelegentlich auf dem Swiss Biotech Day blicken lassen. Vor einiger Zeit gab sich Novartis die Ehre, diesmal präsentierte Thomas Schinecker, Roche-CEO, in einem kleinen Zwiegespräch mit dem Chef der Swiss Biotech Association und zugleich CEO von Molecular Partners, Patrick Amstutz, in einem zum Bersten überfüllten großen Hörsaal seine Sicht auf die Weltlage und die Position der Schweiz darin.

Roche ist da, aber auch in einer Sonderrolle

Man könne es sich nicht mehr leisten, eine Nische als „kleines Land“ zu suchen, sagte er. Man müsse auf den Weltmärkten relevant bleiben, man müsse überhaupt die relevanten Märkte entsprechend adressieren und natürlich gelte da weiter zuvorderst die USA, dann Europa, dann China und der Rest der Welt. Und da man als kleines Land keine Regeln aufstellen könne, müsse man sich mit den Regeln dieser anderen Märkte arrangieren. Dass die Pharma- und Biotech-Branche eine elementare Rolle für den Schweizer Innovationsstandort, den Staatshaushalt und die Wertschöpfung vor Ort auch über die hohen Beschäftigungszahlen (Steuerzahler immerhin) liefere, legte er in eingängigen Zahlenvergleichen dar. „In den vergangenen Jahren hat nur Pharma Personal aufgebaut, alle anderen Wirtschaftszweige in der Schweiz blieben maximal stabil oder haben abgebaut“, so Schinecker.

Ob es nun eine regelrechte aktivere politische Einmischung in den Wirtschaftssektor bräuchte, ist in der Schweiz jedoch sehr umstritten. Es ist dort absolut unüblich, dass der Staat selbst strauchelnden Unternehmen zu Hilfe kommt (einige wenige Beispiele werden von Eidgenossen eher als eine Schandtat behandelt). Ebenso sei man bisher gut damit gefahren, dass der Bundesstaat keinerlei Wirtschaftssektor bevorzugt behandelt habe, sondern alle gleich. Nun gibt es zwar eine Befassung der dortigen politischen Gremien, ob nicht doch eine Staatsstrategie für Pharma in unsicheren Zeiten Not täte, doch die Schweizer erhoffen sich von so einer Strategie in Papierform keinerlei konkrete Hilfe und betrachten das weitere politische Vorgehen in dieser Sache eher mit einem mitleidig-spöttischen Gesichtsausdruck.

Politik? Nein, danke.

Pharma war immer aus sich selbst heraus stark genug, das ist den Schweizern in die DNA übergegangen. Innovationen dürfen auch von extern zugekauft werden, wenn dies die eigene Position stärkt, warum sollte man eine zukünftig führende Technologieplattform oder einen tollen Wirkstoff irgendeinem anderen Wettbewerber überlassen? Mit diesem Mindset sind auch die Konferenztage geprägt, man möchte über Business reden, neue Chancen, neue Angebote. Die Politik ist ein Randthema, wenn überhaupt. Insgesamt bestätigt ja auch der Branchenbericht, die robuste Position der Schweiz im internationalen Biotech-Wettbewerb: getragen von einer breiten Investorenbasis, starker internationaler Vernetzung und einem wachsenden Anteil privat finanzierter Innovationen.

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