
Standorte: Ausbaustopp in Hennigsdorf – Erweiterung in Freiburg und Köln
Die Schließungen in Marburg und Tübingen zeigen, dass die große Impfstoff-Euphorie der Pandemiezeit wirtschaftlich nicht dauerhaft tragfähig war. Gleichzeitig wird aber deutlich, dass der Bedarf an flexiblen Innovationsflächen für junge Biotech-Unternehmen weiter steigt. Die Frage ist zunehmend nicht mehr, ob Deutschland Life Sciences fördern will, sondern welche Art von Infrastruktur künftig tatsächlich gebraucht wird. In Köln, Leipzig und Freiburg (und anderswo) baut man entsprechend Laborflächen aus, nordöstlich von Berlin hat man sich nun dagegen entschieden. Die Flächen könnten für ein Feuerwehrgebäude gebraucht werden ...
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Während Hennigsdorf bei Berlin einen geplanten Biotech-Campus endgültig begraben muss, baut Freiburg seine Life-Science-Infrastruktur gezielt weiter aus. Die gegenläufigen Entwicklungen zeigen exemplarisch, wie unterschiedlich deutsche Regionen derzeit auf den Strukturwandel in der Biotechnologie reagieren und wie stark sich die Standortfrage gerade neu sortiert. In der kommenden Ausgabe von |transkript (2/26) ist ein Überblick geplant.
Feuerwehr statt Labore
In Hennigsdorf scheiterte ein über Jahre vorbereitetes Großprojekt mit einem Volumen von rund 70 Mio. Euro. Auf einem Gelände nahe des Alstom-Standorts sollte ein moderner Biotech-Campus mit Labor-, Logistik- und Produktionsflächen entstehen. Vorgesehen waren unter anderem Hochregallager für Kryopräparate bei Temperaturen bis minus 175 Grad Celsius. Doch nachdem das Land Brandenburg die beantragte Förderung verweigerte, zog der Landkreis nun endgültig die Reißleine, wie die Märkische Zeitung schreibt.
„Es werden keine Gelder des Landes fließen. Diese Entscheidung des Wirtschaftsministeriums zwingt uns dazu, das Projekt zu begraben“, erklärte Landrat Alexander Tönnies. Gerade angesichts der Schwierigkeiten klassischer Industrien wie Stahl- und Schienenfahrzeugbau hätte die Life-Science-Branche erhebliche Entwicklungspotenziale für die Region geboten. Vor Ort sind durchaus einige Unternehmen aus den Life Sciences und Gesundheitswirtschaft vertreten.
Auch Hennigsdorfs Bürgermeister Thomas Günther zeigte sich enttäuscht. Die Planungen seien weit fortgeschritten gewesen, rund eine Million Euro habe die Stadt bereits investiert. „Es ist ein absolutes Entwicklungshemmnis. Die Biotech-Branche braucht schnelle, flexible Lösungen“, sagte Günther. Die Unternehmen seien dynamisch, der Campus hätte dafür die notwendige Infrastruktur geschaffen.
Politik nicht schnell genug
Der Fall zeigt zugleich ein strukturelles Problem vieler deutscher Biotech-Regionen: Während die Politik regelmäßig die Bedeutung der Gesundheitswirtschaft betont, scheitern konkrete Infrastrukturprojekte häufig zwar an Finanzierung, langwierigen Förderprozessen oder kommunalen Haushaltslagen, doch oft ist auch die Freigabe von Flächen der eigentliche Flaschenhals. Dabei ist der Bedarf an Labor- und Gründerflächen derzeit hoch – trotz der aktuellen Konsolidierung im Markt.
Denn parallel zu Standortschließungen großer Unternehmen wie BioNTech in Tübingen und Marburg bleibt die Dynamik der Branche durchaus vorhanden, verändert sich aber auch mitunter zu kleineren, flexibleren Innovationszentren und Start-up-Clustern. Gerade diese frühen Wachstumsphasen benötigen eine spezialisierte Laborinfrastruktur, die in Deutschland vielerorts knapp bleibt. Soll dort ein privater Bauherr ins Risiko gehen, oder ist dieser Bereich eine natürliche Domäne der öffentlichen Hand? Warum gelingt dann der internationalen Gründerzentren-Kette BioLabs der Aufbau solcher Laborgebäude an vielen Standorten?
Wie unterschiedlich Regionen darauf reagieren, zeigt Freiburg. Dort erhält die Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe 2 Mio. Euro Fördermittel von der EU und dem Land Baden-Württemberg für den Ausbau des Biotech-Parks Freiburg. Geplant sind zwar nur rund 1.000 Quadratmeter zusätzliche Labor- und Büroflächen im Innovationszentrum Nord. Die neuen Flächen richten sich aber gezielt an akademische Spin-offs und junge Biotech-Unternehmen. Der Ausbau soll innerhalb von sechs bis neun Monaten sehr rasch erfolgen und setzt bewusst auf modulare Einheiten, die sich an unterschiedliche Wachstumsphasen anpassen lassen.
Hintergrund ist ein seit Jahren bestehender Flächenengpass. Der bereits 1998 eröffnete und zuletzt 2019 erweiterte Biotech-Park gilt als vollständig ausgelastet. Neue Anfragen könnten derzeit oft nicht mehr bedient werden. Freiburg versucht deshalb gezielt, Ausgründungen aus der starken regionalen Forschungslandschaft am Standort zu halten – mit Einrichtungen wie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, dem Universitätsklinikum Freiburg, der Fraunhofer-Gesellschaft oder dem Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik als wissenschaftlichem Rückgrat.
Innovations-Rheintal vom Bodensee bis Düsseldorf
Die Lebensader Rhein hat wie die Perlen an einer Kette mehrere Biotech-Standorte aufgereiht, die zwar miteinander im Wettbewerb stehen, durch den Fluss aber auch eine Verbindung eingehen. Konstanz, Basel, Freiburg, Mainz, Köln und Düsseldorf – mit den Weiterungen in benachbarte Regionen wie die engere Kooperation von Mainz mit Heidelberg, eine Verknüpfung auch zur Main-Region in Frankfurt und Offenbach und die Einbeziehung der traditionellen Ingenieursstandorte Aachen und Jülich in Nordrhein-Westfalen kann sich ein durchgängiges Innovations-Valley ergeben, das im Zentrum Europas seinesgleichen sucht. Freiburg hat erkannt, dass eine Gelegenheit beim Schopfe gepackt werden kann und eine nächste Generation Gründer auch neue Räumlichkeiten benötigt. In Köln sind durch die neue Gateway Factory in Zusammenarbeit mit CellCoLab in kurzer Zeit ebenfalls ganz individuelle und modulare Laboreinheiten am bekannten Standort Nattermannallee entstanden, weitere Entwicklungen sollen folgen.
Damit entstehen derzeit sehr unterschiedliche Bilder des deutschen Biotech-Standorts: Hier der gestoppte Großcampus in Brandenburg, dort der gezielte Ausbau kleinteiliger Innovationsinfrastruktur im Südwesten und Nordrhein-Westfalen. Beide Entwicklungen stehen zugleich im Schatten der aktuellen Konsolidierung der Branche nach dem Pandemieboom. Produktionskapazitäten werden zurückgebaut, während in anderen Regionen wie bei Alzey neue Produktionsgroßflächen für Abnehmprodukte entstehen und damit eine Branche versucht, sich langfristig über Forschung, Ausgründungen und spezialisierte Cluster neu zu positionieren.

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Raphael Alu für Basel Area Business and Innovation