
Studie: Deutschland kommt bei Pharmaforschung kaum voran
Die Erhebung zum Pharmastandort Deutschland (PROUD-Update) von Fraunhofer Gesundheit und vfa zeigt ein widersprüchliches Bild: Während Grundlagenforschung und Patentanmeldungen Stärken des Standorts bleiben, verliert die klinische Entwicklung an Dynamik. Auch die Einschätzung der Standortattraktivität fällt erneut schlechter aus. Trotzdem verbessert sich Deutschland um eine Position im Länderranking bei klinischen Studien.
Deutschland kommt bei der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung kaum voran. Das zeigt das aktuelle PROUD-Update von Fraunhofer Gesundheit, dem Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa), dessen Mitgliedsunternehmen und der Beratung Vintura. Die Untersuchung zeichnet ein gemischtes Bild: Neun von 28 Indikatoren haben sich gegenüber der vorherigen Erhebung im Oktober 2025 verbessert, neun verschlechtert. Die übrigen Kennzahlen zeigen keine entsprechende Veränderung. Von einer Aufholjagd kann damit keine Rede sein. Allerdings lässt sich aus der Bestandsaufnahme auch kein durchgängiger Abwärtstrend ableiten.
Deutlicher fällt das Urteil der befragten Experten aus. Ihre Einschätzung der Gesamtattraktivität Deutschlands als Standort für pharmazeutische Forschung und Entwicklung sank auf einer Skala von null bis zehn zum zweiten Mal in Folge. Nach 6,03 Punkten lag der Wert zunächst bei 5,80 und nun bei 5,65 Punkten. Die Erhebung kombiniert quantitative Kennzahlen mit solchen Experteneinschätzungen. Sie soll zeigen, wie sich die Leistungsfähigkeit des Standorts über längere Zeit entwickelt – und künftig auch erkennen lassen, ob politische Maßnahmen tatsächlich Wirkung entfalten.
Zwischen Forschungserfolg und Entwicklungslücke
Die Ergebnisse bestätigen ein bekanntes Problem: Deutschland ist in der medizinischen Grundlagenforschung gut aufgestellt, schafft es aber nicht im gleichen Maße, wissenschaftliche Erkenntnisse in neue Medikamente zu überführen. Der vorklinische Forschungsoutput legte zuletzt leicht zu. Die Zahl der Publikationen stieg um 3 Prozent, die Zahl der Patente um 0,6 Prozent. Gleichzeitig ging die Zahl der von der Industrie veranlassten klinischen Phase-I-Studien um 10 Prozent zurück. Bei Studien zu Gen- und Zelltherapien betrug der Rückgang 39 Prozent. Der deutsche Anteil an der weltweiten Rekrutierung von Studienteilnehmern verharrte bei rund 3 Prozent.
Damit klafft zwischen wissenschaftlicher Leistung und klinischer Entwicklung weiterhin eine Lücke. Gerade frühe klinische Studien sind wichtig, um neue Wirkstoffkandidaten erstmals am Menschen zu prüfen und Projekte für die weitere Entwicklung zu qualifizieren. Wenn solche Vorhaben andernorts vorangetrieben werden, drohen auch nachgelagerte Wertschöpfung und Kompetenzen abzuwandern.
„Deutschland hat kein Erkenntnisproblem, Deutschland hat ein Translationsproblem“, sagt Ulrike Köhl, stellvertretende Vorsitzende des Fraunhofer-Verbunds Gesundheit und im Hauptberuf Institutsleiterin des Fraunhofer Instituts für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Leipzig, Sachsen. Aus ihrer Sicht bremsen Bürokratie, Finanzierungslücken und eine zu starke Zersplitterung der Zuständigkeiten den Transfer aus der Forschung in die Anwendung. Deutschland müsse sich vom Erkenntnisstandort stärker zum Wertschöpfungsstandort entwickeln.
Kapital und Fachkräfte als Schwachstellen
Auch bei den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zeigen die PROUD-Daten Schwächen auf. Die Eigenkapitalinvestitionen in die Life-Sciences-Branche gingen um 15 Prozent zurück. Die Attraktivität Deutschlands für Talente sank in der Erhebung um vier Punkte auf 66. Zudem verschlechterte sich die Einschätzung der Fachkräftequalifikation: Der entsprechende Wert fiel von 7,90 auf 7,29 Punkte auf einer Skala von null bis zehn.
Solche Veränderungen sind nicht gleichbedeutend mit einem unmittelbaren Verlust wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit. Sie weisen jedoch auf Faktoren hin, die darüber mitentscheiden, ob Forschungsteams, Unternehmen und Entwicklungsprojekte langfristig in Deutschland bleiben. Insbesondere junge Biotechnologieunternehmen und akademische Ausgründungen benötigen Kapital, um Wirkstoffkandidaten durch die kostenintensiven klinischen Entwicklungsphasen zu bringen. Häufig besteht ihr Geschäftsmodell darin, Projekte nach ersten Entwicklungsfortschritten an größere Pharmaunternehmen auszulizenzieren.
Fehlt das Geld für die nächsten Entwicklungsschritte, können Projekte samt geistigem Eigentum und Know-how ins Ausland verlagert werden. „Erkenntnisgewinn, der nicht im eigenen Land in Produkte überführt wird, ist also Wirtschaftsförderung für andere Länder“, sagt Matthias Meergans, Geschäftsführer Forschungspolitik des vfa. Er fordert eine ressort- und sektorenübergreifende Strategie, die alle Stufen der pharmazeutischen Wertschöpfungskette berücksichtigt.
Hightech Agenda als nächste Bewährungsprobe
Eine Gelegenheit zur Verbesserung sehen Fraunhofer Gesundheit und vfa in der Hightech Agenda Deutschland. Bei der derzeitigen Ausarbeitung ihrer Roadmap müsse die Bundesregierung aus Sicht der Verbände konkrete Maßnahmen für die pharmazeutische Forschung und Entwicklung verankern. Dazu zählen eine gezieltere Förderung statt einer breiten Verteilung von Mitteln, bundeseinheitliche Standards und einfachere Genehmigungs- und Zugangsverfahren. Behörden sollten Unternehmen und Forschungseinrichtungen möglichst gebündelt beraten und Genehmigungen koordinieren.
Darüber hinaus plädieren die Autoren für eine Kapazitätsinitiative in der klinischen Forschung und für Unterstützung, die nicht bei der frühen Forschung endet, sondern auch die Skalierung und Produktion einschließt. Entscheidend sei zudem, den Erfolg staatlicher Förderung nicht allein am ausgegebenen Geld, sondern an den erreichten Ergebnissen zu messen.
Das PROUD-Monitoring soll künftig helfen, die Wirkung solcher Maßnahmen zu überprüfen. Dafür liefert die aktuelle Ausgabe eine Ausgangsbasis, aber noch keinen Nachweis, dass sich politische Initiativen bereits positiv oder negativ ausgewirkt haben. Die Erhebung zeigt vielmehr, wo Deutschland stark ist und an welchen Stellen es an Dynamik fehlt. Ob die Hightech Agenda daran etwas ändert, wird sich erst an den kommenden Entwicklungen ablesen lassen.
Die komplexe Fußnote der Abbildung hier:
1: Industrie Investitionen, EFPIA, 2024; 2: Patente im Bereich Biotechnology, Pharmaceuticals, Macromolecular Chemistry, Polymers, EPO, 2024; 3: Anzahl der Institutionen in den Top 100 für Life Sciences, THE Ranking, 2026; 4: Nature Index Output Share, 2025; 5: Im Bereich Life Sciences, S& Q Global, 2024; 6: Mind. 1 Mio. $ Funding, Crunchbase, 2025; 7: ClinicalTrials.gov, 2025 (Daten im Sept. 2026 erhoben; Filter: Studienstart in Jahr x; interventionelle Arzneimittelstudien; Studien mit mehreren Standorten werden für jedes relevante Land gezählt); 8: Early Phase | + Phase I; 9: Phase I-IV; 10: Basierend EFPIA W.A.I.T. Indicator, „Total availability by approval year“, 2025; 11: Durchschnittliche Anzahl an Tagen von der Marktzulassung von Arzneimitteln bis zur Verfügbarkeit für Patienten, EFPIA W.A.I.T. Indicator, 2025; 12: CRA Studie „Europe’s pharmaceutical innovation gap „, 2026 Hinweis: Daten basieren immer auf der aktuellsten Erhebung; graue Flaggen bei nicht oder nur eingeschränkt verfügbaren Daten. Quelle: Fraunhofer Gesundheit, vfa, Vintura 2026.

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