
TME Pharma kehrt zu seinen Wurzeln zurück, Japaner sollen NOX-A12 retten
Vom Berliner Biotech-Unternehmen NOXXON über eine strategische Neuausrichtung und Krypto-Überlegungen zurück zur Medikamentenentwicklung: TME Pharma hat mit dem japanischen Biotech-Unternehmen TMS einen möglichen Partner für seinen wichtigsten Wirkstoffkandidaten NOX-A12 gefunden. Doch zunächst wird nur exklusiv verhandelt. Ob daraus tatsächlich eine finanzierte klinische Entwicklung wird, ist noch offen.
Es ist eine bemerkenswerte Rückkehr zum eigentlichen Geschäft: TME Pharma will seinen Wirkstoffkandidaten NOX-A12 wieder in die klinische Entwicklung bringen. Dafür hat das Unternehmen mit der japanischen TMS Co. Ltd. eine Vereinbarung über exklusive Verhandlungen geschlossen. Im Zentrum steht die weltweite Weiterentwicklung und Vermarktung des Wirkstoffs gegen Glioblastom, einen besonders aggressiven Hirntumor. TMS will dafür eine Tochtergesellschaft gründen, die das Projekt finanzieren und die weitere klinische Entwicklung organisieren soll.
Lange Geschichte, einige Volten, nun wieder auf dem rechten Pfad?
Für TME Pharma wäre das ein wichtiger Schritt zurück zu dem, womit die Geschichte des Unternehmens einst begonnen hatte. Denn hinter dem heutigen Namen steckt die frühere NOXXON Pharma, ein Berliner Biotech-Unternehmen, das sich mit einer eigenen Wirkstoffklasse, den sogenannten L-RNA-Aptameren, einen Namen gemacht hatte. Der Leitkandidat NOX-A12 sollte die schützende Umgebung von Tumoren verändern und damit die Wirkung anderer Krebstherapien verbessern.
Die jetzt vereinbarten wirtschaftlichen Eckpunkte klingen zunächst durchaus attraktiv: Bei Abschluss des endgültigen Vertrags soll TME Pharma kurzfristig rund 10 Mio. Euro erhalten, als Kombination aus Barzahlung sowie Anteilen und Fremdkapital an der neuen Tochtergesellschaft. Hinzu kommen mehr als 100 Mio. Euro an möglichen regulatorischen und kommerziellen Meilensteinzahlungen sowie Umsatzbeteiligungen von 8 bis 10 Prozent. TME Pharma stellt dabei einen möglichen Spitzenumsatz von rund einer Milliarde US-Dollar in den Raum. Außerdem soll das Unternehmen an möglichen Unterlizenzierungserlösen beteiligt werden.
Allerdings ist die Vereinbarung noch weit von einem abgeschlossenen Lizenzgeschäft entfernt. Zunächst erhält TMS für 150.000 Euro eine sechsmonatige Exklusivität, während der TME Pharma nicht mit anderen potenziellen Partnern über NOX-A12 verhandeln darf. Die genannten wirtschaftlichen Konditionen sind bislang unverbindlich. Auch die Finanzierung der neuen Tochtergesellschaft muss TMS erst organisieren. Erst wenn die endgültige Vereinbarung steht und das Geld für die klinische Entwicklung verfügbar ist, kann die geplante Phase II-Studie wieder anlaufen.
Von NOXXON zu TME Pharma: eine lange Suche nach Kapital
Die Geschichte reicht weit zurück. NOXXON Pharma war ursprünglich mit der Entwicklung sogenannter Spiegelbild-Oligonukleotide beziehungsweise L-RNA-Aptamere angetreten. Diese künstlich hergestellten Moleküle können bestimmte Botenstoffe und Proteine sehr spezifisch binden. NOX-A12 blockiert den Chemokin-Liganden CXCL12, der im Tumormikromilieu eine wichtige Rolle bei der Abschirmung von Krebszellen gegenüber dem Immunsystem spielt. Ein weiterer Kandidat, NOX-E36, hemmt CCL2 und verwandte Chemokine und wurde unter anderem für entzündliche und fibrotische Erkrankungen untersucht.
Die Entwicklung war allerdings von Beginn an kapitalintensiv. NOXXON musste wiederholt kleinere Finanzierungsrunden und Kapitalmaßnahmen durchführen, um die klinischen Programme am Leben zu halten. Schon 2018 erklärte der damalige CEO Aram Mangasarian, dass kurzfristig weiteres Kapital benötigt werde, um zunächst klinische Daten zu sichern und anschließend die NOX-A12-Studie bei Glioblastom zu finanzieren. In den Folgejahren blieb die Finanzierung ein wiederkehrendes Thema. Der Geschäftsbericht für 2019 dokumentierte beispielsweise, dass die selbst gesteckten Finanzierungsziele deutlich verfehlt worden waren.
Im Juli 2022 wurde aus NOXXON Pharma schließlich TME Pharma. Der neue Name sollte die strategische Ausrichtung auf das Tumormikromilieu – das Tumor Microenvironment (TME) – verdeutlichen. Das Unternehmen wollte sich stärker auf die Entwicklung von Wirkstoffen konzentrieren, die die Schutzmechanismen von Tumoren beeinflussen und damit bestehende Krebstherapien unterstützen. NOX-A12 wurde zum wichtigsten klinischen Programm.
Doch auch unter dem neuen Namen gelang es nicht, die Finanzierung der nächsten Entwicklungsstufe dauerhaft sicherzustellen. Besonders deutlich wurde das beim geplanten weiteren Ausbau der GLORIA-Studie. Die Phase I/II-Studie hatte NOX-A12 in Kombination mit Bestrahlung und Bevacizumab bei neu diagnostiziertem Glioblastom untersucht. Die bisherigen Ergebnisse waren aus Sicht des Unternehmens vielversprechend. Für eine größere randomisierte Phase II-Studie fehlte jedoch das Geld.
Der damalige CEO Aram Mangasarian versuchte wiederholt, strategische Partner und institutionelle Investoren für die nächste Entwicklungsphase zu gewinnen. In einem CEO-Statement von 2024 verwies er auf Gespräche mit potenziellen Partnern, nicht verwässernde Fördermittel und institutionelle Investoren. Auch eine persönliche Beteiligung an Kapitalerhöhungen sollte Vertrauen signalisieren. Der Durchbruch blieb aus.
Neuer CEO, neue Strategie – und plötzlich Bitcoin
Im Juni 2025 übernahm Diede van den Ouden die Führung von TME Pharma. Mangasarian schied als CEO aus, sollte dem Unternehmen aber weiterhin beratend in wissenschaftlichen und strategischen Fragen verbunden bleiben. Van den Ouden wurde als Manager mit Erfahrung bei finanziellen Restrukturierungen und Turnaround-Situationen vorgestellt. Er war bereits Aktionär und hatte sich an einer Finanzierungsrunde beteiligt.
Die neue Strategie sah zunächst eine drastische Verschlankung der Organisation vor. Ein weitgehend ausgelagertes Personalmodell sollte die laufenden Kosten senken und das Unternehmen in die Lage versetzen, die beiden verbliebenen Wirkstoffprogramme NOX-A12 und NOX-E36 weiterzuverfolgen. Gleichzeitig wollte das Management alternative Finanzierungswege erschließen.
Im Sommer 2025 sorgte dann eine ungewöhnliche Ankündigung für Aufmerksamkeit: TME Pharma änderte seine Treasury-Politik, um künftig einen Teil der verfügbaren Mittel auch in risikoreichere Anlagen wie Kryptowährungen investieren zu können. Van den Ouden verwies dabei auf seine Erfahrung im Investmentbereich und das Interesse von Anlegern an Krypto-Holdinggesellschaften. Perspektivisch könne ein erfolgreiches Investmentgeschäft sogar über das klassische Treasury-Management hinausgehen und zu einem Bestandteil der Unternehmensstrategie werden.
Das war ein bemerkenswerter Richtungswechsel für ein Unternehmen, dessen eigentliche Aufgabe die Entwicklung neuer Medikamente sein sollte. Immerhin: Im Januar 2026 teilte TME Pharma mit, bislang keine Investitionen in Kryptowährungen vorgenommen zu haben, da sich keine attraktive Gelegenheit ergeben habe. Stattdessen lag der Kassenbestand zum Jahresende 2025 bei rund 2 Mio. Euro. Auch andere Überlegungen zu Beteiligungen und möglichen Geschäftsaktivitäten außerhalb der Medikamentenentwicklung sollten die finanzielle Basis verbreitern.
Parallel dazu blieb das eigentliche Biotech-Geschäft weitgehend auf Stand-by. Die klinische Studie bei Glioblastom wurde offengehalten, um sie bei einer geeigneten Finanzierung oder Partnerschaft wieder aufnehmen zu können. Die Suche nach einem solchen Partner wurde damit zur entscheidenden Voraussetzung für die Zukunft von NOX-A12.
Japanische TMS soll die klinische Entwicklung finanzieren
Mit TMS scheint nun ein möglicher Weg gefunden. Das japanische Unternehmen ist selbst im klinischen Biotech-Bereich tätig und will eine eigene Tochtergesellschaft gründen, über die die Finanzierung und Weiterentwicklung von NOX-A12 organisiert werden soll. TME Pharma soll als Partner und Minderheitsgesellschafter beteiligt bleiben, aber nicht mehr allein für die Finanzierung des gesamten Programms verantwortlich zeichnen müssen.
Das Modell könnte für beide Seiten Vorteile haben: TMS erhält Zugang zu einem klinischen Wirkstoff mit bereits vorhandenen Daten und regulatorischem Sonderstatus, während TME Pharma die Möglichkeit bekommt, die Entwicklung fortzusetzen, ohne dafür selbst eine große Kapitalerhöhung stemmen zu müssen. Die neue Gesellschaft soll die Mittel für die weitere Entwicklung einwerben und das Programm vorantreiben.
NOX-A12 hat bereits eine Phase I/II-Studie namens GLORIA durchlaufen. Untersucht wurde die Kombination mit Bestrahlung und Bevacizumab bei Patienten mit neu diagnostiziertem Glioblastom und nicht methyliertem MGMT-Promotor, die voraussichtlich nicht von einer Standardchemotherapie profitieren. Die Ergebnisse wurden im April 2026 in Nature Communications veröffentlicht. Nach Angaben des Unternehmens zeigten sich statistisch signifikante Überlebensvorteile in den untersuchten Patientengruppen. Die US-amerikanische FDA hat dem Wirkstoff den Fast-Track-Status sowie den Orphan-Drug-Status für Glioblastom erteilt. Auch in Europa besteht ein Orphan-Drug-Status für Gliome.
Die geplante Phase II-Studie soll nun die klinischen Hinweise in einem größeren und kontrollierteren Rahmen überprüfen. Erst dann wird sich zeigen, ob NOX-A12 tatsächlich das Potenzial besitzt, sich als neue Therapieoption beim Glioblastom zu etablieren. Die Ergebnisse der bisherigen GLORIA-Studie sind ermutigend, ersetzen aber keineswegs den Nachweis in einer randomisierten Studie.
Ist die Rückkehr zum Pharmageschäft nachhaltig?
Für TME Pharma ist die Vereinbarung mit TMS mehr als eine gewöhnliche Lizenzpartnerschaft. Sie könnte das Ende einer mehrjährigen Suche nach einem tragfähigen Geschäftsmodell markieren. Statt sich mit Krypto-Investments, Beteiligungen und anderen Finanzaktivitäten über Wasser zu halten, könnte das Unternehmen wieder auf die Entwicklung seiner ursprünglichen Wirkstoffkandidaten setzen.
Ganz so weit ist es allerdings noch nicht. Die 150.000 Euro für die Exklusivität sind zunächst ein überschaubarer Betrag. Die eigentliche Finanzierung der Entwicklung muss erst über die neue Tochtergesellschaft zustande kommen. Und auch die rund 10 Mio. Euro, die TME Pharma bei Abschluss des endgültigen Vertrags erhalten soll, sind noch nicht gesichert. Die mehr als 100 Mio. Euro an Meilensteinzahlungen wiederum hängen von regulatorischen und kommerziellen Erfolgen ab, die noch Jahre entfernt sein können.
Auch das zweite wichtige Programm, NOX-E36, bleibt vorerst außerhalb dieser Vereinbarung. Der CCL2-Hemmer wird für ophthalmologische Erkrankungen mit hohem medizinischem Bedarf untersucht. TME Pharma sucht dafür weiterhin nach Partnern, die die weitere Entwicklung übernehmen oder finanzieren könnten.
Die neue Vereinbarung ist somit ein Hoffnungsschimmer für ein Unternehmen, das sich zwischenzeitlich weit von seinem ursprünglichen Geschäftsmodell entfernt hatte. Ob TME Pharma tatsächlich wieder ein Biotech-Unternehmen mit einer klinischen Entwicklungsperspektive wird, entscheidet nicht die Ankündigung einer Kooperation, sondern, ob TMS die Finanzierung auf die Beine stellt und die GLORIA-Studie tatsächlich wieder startet.
Die Rückkehr zum Pharmamodell ist eingeleitet, der Weg zurück in die Klinik aber noch nicht finanziert.

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