
Neue Kooperation von BioNTech und Boehringer bei Lungenkrebs
Neue Immuntherapie-Kombinationen gesucht: Boehringer setzt bei Lungenkrebs auf doppelte Angriffspunkte und eine Zusammenarbeit mit der Mainzer BioNTech. Beim besonders schwer behandelbaren kleinzelligen Lungenkrebs (SCLC) positioniert sich Boehringer Ingelheim im zunehmend kompetitiven Feld kombinierter Immuntherapien gemeinsam mit BioNTech. Zwei komplementäre Wirkmechanismen sollen erstmals gezielt zusammengeführt werden.
Mit einer neuen Studienkooperation im besonders schwer behandelbaren kleinzelligen Lungenkrebs (SCLC) positioniert sich Boehringer Ingelheim im zunehmend kompetitiven Feld kombinierter Immuntherapien. Gemeinsam mit BioNTech startet das Unternehmen eine Phase Ib/II-Studie, in der zwei komplementäre Wirkmechanismen erstmals gezielt zusammengeführt werden.
Im Zentrum steht die Kombination eines T-Zell-Engagers (Obrixtamig), der Immunzellen direkt gegen Tumorzellen lenkt, mit einem bispezifischen Antikörper (Pumitamig). Dieser stammt von BioNTech, genauer von der übernommenen chinesischen Biotheus. Er löst Immunbremsen und hemmt die Tumorversorgung über Blutgefäße. Ziel ist es, zwei zentrale Probleme dieser aggressiven Krebsform gleichzeitig anzugehen: die Immunflucht der Tumoren und ein wachstumsförderndes Mikromilieu.
Von Boehringer kommt der bispezifische DLL3/CD3-T-Zell-Engager, der darauf ausgelegt ist, Immunzellen gezielt gegen DLL3-exprimierende Krebszellen zu lenken – ein typisches Merkmal kleinzelliger Lungenkarzinome und anderer neuroendokriner Tumoren. In der globalen Phase I-Erstlinienstudie DAREON®-8 erzielte Obrixtamig in Kombination mit Chemotherapie und Atezolizumab eine bestätigte objektive Ansprechrate von 68%, eine Krankheitskontrollrate von 89% sowie eine progressionsfreie Überlebensrate nach neun Monaten von 52% bei günstigem Sicherheitsprofil, betont das Unternehmen. Der Wirkstoff wird derzeit in mehreren globalen Studien untersucht und befindet sich auf dem Weg in eine Phase III-Studie. Zudem erhielt er Fast-Track- und Orphan-Drug-Status von der FDA sowie Orphan-Drug-Status von der Europäischen Kommission.
Pumitamig ist ein experimenteller PD-L1/VEGF-A-bispezifischer Antikörper, der gemeinsam von BioNTech und Bristol Myers Squibb entwickelt wird und zwei komplementäre, etablierte Wirkmechanismen in einem Molekül vereint: Immuncheckpoint-Inhibition und Anti-Angiogenese.
Kombination ist Trumpf – nur welche genau?
Der Ansatz ist Teil eines breiteren Trends in der Onkologie. Nachdem klassische Checkpoint-Inhibitoren erste Fortschritte gebracht haben, rückt die Kombination verschiedener immunologischer Wirkprinzipien stärker in den Fokus. Insbesondere bei SCLC, das schnell fortschreitet und fast immer rezidiviert, gelten solche Strategien als vielversprechend, aber auch als komplex.
Der Wettbewerb ist entsprechend intensiv. Bristol Myers Squibb ist über die Co-Entwicklung von Pumitamig bereits mit BioNtech involviert, während andere Unternehmen parallel T-Zell-Engager, bispezifische Antikörper oder neuartige Zelltherapien testen. Auch große Player wie Roche oder Merck & Co. treiben kombinatorische Immuntherapieansätze voran.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Kooperation auch wie das Bemühen, in einem sich rasch entwickelnden Feld Anschluss zu halten. Denn klar ist: Einzeltherapien stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Die Zukunft der Krebsbehandlung dürfte in intelligent kombinierten Ansätzen liegen, die mehrere biologische Achsen gleichzeitig adressieren, und dabei ähnliche, aber auch ganz unterschiedliche Wirkstoffmodalitäten zusammen- oder in ihrer Anwendung in Reihe schalten. Dabei gewinnt die zeitlich aufgelöste und dynamisch begleitende tiefmolekulare Charakterisierung des Krebsgeschehens im individuellen Patienten immer mehr an Bedeutung und ist zugleich die Basis für eine angepasste Kombinationstherapie. Gerade in diesem Bereich müssen molekulare Diagnostik und zielgerichtete Therapie enger zusammenwachsen, um die schon seit Jahren aufgerufenen Versprechen der personalisierten Medizin endlich einzulösen.
Fortgesetzte Strategie bei BioNTech
Nach der für viele überraschenden Verkündung des Abschieds der Gründerpersönlichkeiten Türeci und Sahin zum Jahresende, hatte man bei BioNTech als Beobachter schon das Gefühl, dass sich alle erst einmal wieder sammeln und neu fokussieren müssen. Doch die klinische Pipline ist voll, die Programme laufen auch in späten Phasen auf Hochtouren weite. In diesem Jahr soll eine große Zahl wichtiger Datenpakete publiziert werden, die die breite Strategie der Mainzer im Idealfall als erfolgreich ausweisen.
Schon lange geht es dort um mehrere Säulen bei der Bekämpfung von Krebserkrankungen: ein mit KI unterstütztes enges Monitorierung der molekularen Veränderung von Krebserkrankungen im individuellen Patienten und um einen Werkzeugkasten an Gegenmaßnahmen von mRNA, speziellen Antikörpern oder der Zelltherapie. Den Möglichkeiten an Kombinationen sind keine Grenzen gesetzt, außer durch die eigenen Ressourcen und die eigene Priorisierungsliste. Für Kooperationen mit potenten Pharmapartnern für spezielle neue Wirkstoff-Kombinationen ist man weiterhin offen, jetzt, wo sich die erste Aufregung über die kürzlichen Schlagzeilen gelegt haben dürfte.
Ob diese Vielfalt an Kombinationen und welche davon genau wirklich einen Überlebensvorteil bringt, muss die klinische Entwicklung zeigen. Erste Patienten sollen ab der zweiten Jahreshälfte 2026 behandelt werden.

Proxygen GmbH
gopixa - stock.adobe.com